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Kunst & KulturAusstellungen › Ein Mekka für Bibliophile - Ort der Begegnung und des fruchtbaren Gedankenaustauschs für Handgeschriebenes und Gedrucktes

Ein Mekka für Bibliophile - Ort der Begegnung und des fruchtbaren Gedankenaustauschs für Handgeschriebenes und Gedrucktes

50. Stuttgarter Antiquariatsmesse - Trotz vieler Veränderungen ist das das Grundkonzept blieb über die Jahrzehnte erhalten - Ein Marktplatz des internationalen Handels   von Britta Steiner-Rinneberg

26.01.11 || altSTUTTGART (25. Januar 2010) - Die neben London zu den wichtigsten Veranstaltungen des Buchhandels gehörende, vom 28. bis zum 30.Januar stattfindende Stuttgarter Antiquariatsmesse wird 50 Jahre alt. Wie alle anderen Verkaufsschauen hat sie im Verlauf der Jahre viele Veränderungen erfahren; doch das Grundkonzept der aus dem Kulturkalender der Stadt nicht mehr wegzudenkenden elitären Präsentation blieb voll erhalten.

Sie ist nicht nur einer der wichtigsten Marktplätze für den internationalen Handel und ein Mekka für Bibliophile, sondern auch attraktiver Ort der Begegnung und des fruchtbaren Gedankenaustauschs für alle am Handgeschriebenen und Gedruckten Interessierten: Eingefleischte Sammler und auf Gewinn bedachte Anleger, wie Newcomer, die erst Erfahrungen sammeln und sich orientieren müssen, wozu sie auf dieser Messe beste Gelegenheit haben. Erfahrene Händler, die zum Teil von Anfang an dabei waren und die Messe entscheidend mitprägten, stehen gerade dem jüngeren Sammler, der im Begriff ist, sich etwas Eigenes aufzubauen, beim Einstieg in die Materie gern mit Rat und Tat zur Seite. Sich in der Überfülle des alle Wissensgebiete umfassenden, von Ausstellern aus Deutschland , Italien, Frankreich, Österreich und Ungarn, aus den Niederlanden, Großbritannien, der Schweiz und den USA beschickten, erlesenen Angebots zurecht zu finden, ist angesichts der knappen Zeit für Neulinge nicht einfach. Sie brauchen Hilfe.

altGebetbuch. Illuminierte Handschrift aus dem Ende des 15. Jahrhunderts Provenienz Frankreich (Studio Bibliografico Giuseppe Solmi)

Viele der jährlich wiederkehrenden, eingefleischten Büchernarren haben dagegen ihre festen „Adressen", die sie meist zielbewusst ansteuern, um sich anschließend weiter „durchzuarbeiten". Der ausgezeichnet informierende Katalog, in dem jeder Aussteller auf zwei Seiten mit einer knappen Auswahl seines Angebots lockt, ist durchgehend farbig illustriert. Darüber hinaus halten viele Händler für ihre Kunden am Stand noch eigene Kataloge oder Lagerlisten bereit.

Offerte mit Wissenswertem aus allen Gebieten


Die Offerte der gleichzeitig mit der 25 Jahre jüngeren Ludwigsburger „Antiquaria" stattfindenden Stuttgarter Messe umfasst neben Inkunabeln, Frühdrucken, bedeutenden bibliophilen Erstausgaben, Handschriften und Autographen auch Meilensteine aus Philosophie, Geistes -und Naturwissenschaften,, Medizin, Geschichte, Theologie, Illustrierte Bücher, Landkarten, Stadtansichten, Reise-, Kinder- und Kochbücher, sowie Pressendrucke, Originalgraphik alter und moderner Meister, japanische Holzschnitte, Kunst und Fotographie. Ein Über- Angebot, das die Wahl nicht eben leicht macht und so manchen Nerven kostet, weil die Konkurrenz in Gestalt von Mitbewerbern um das gleiche Objekt nicht zögert, sondern rigoros „zuschlägt". Schnelligkeit ist hier oft entscheidend !

Spitzenreiter der Antiquariatsmesse ist die von Heribert Tenschert (Bibermühle) präsentierte, für Privatsammler kaum erschwingliche franco-flämische „Bible Historiale" von 1470. Die bestens erhaltene, traumhaft-schön gestaltete französische Handschrift auf Papier mit 51 großen Illustrationen des Petrus Comestor ist ein Meisterwerk mittelalterlicher Illuminationskunst und lässt jedes Sammlerherz höher schlagen. Sie kostet allerdings die Kleinigkeit von fast eineinhalb Millionen Euro!

Chagall-Bilder, Kafka-Roman und Einsteinbriefe


Marc Chagall: Daphnis und Cloe - Malerbuch mit 42 farbigen Original-Lithographien (Antiquariat Schmidt & Günther, Kelkheim)

Als weiteres Highlight der Messe wird bei Schmidt und Günther (Kelkheim) Longus` „Daphnis und Chloe" angeboten, das zu den schönsten Malerbüchern überhaupt zählt und mit 42 farbigen Lithografien Chagalls besticht, die 1961 in Paris herauskamen. ( (Zwei Textbände und eine Tafelmappe). Das Werk ist eines von 250 nummerierten Exemplaren, wird zu den Hauptwerken der illustrierten Bücher unserer Zeit gezählt und kostet 24o ooo Euro. Im gleichen Antiquariat ist für bescheidenere 1500 Euro auch ein besterhaltenes Exemplar der Erstausgabe von Kafkas fragmentarischem Roman „Amerika" zu haben. Für Theaterfreunde vielleicht interessant: Er ist als Schauspiel-Uraufführung derzeit im Mainzer Theater zu sehen!

altKarl Ernst Ritter v. Baer: Ethnographisches Tableau von Menschenköpfen (Bewohner verschiedener Südsee-Inseln). Einzigartiges Artefakt zur Völkerkunde des Pazifik-Raumes. Provenient St. Petersburg um 1860 (Antiquariat Banzhaf) / Fotos: Stuttgarter Antiquitätenmesse Katalog

Mit einem besonderen Objekt wartet auch der Autographen-Spezialist Kotte (Rosshaupten) auf : Albert Einsteins umfangreichem Briefwechsel mit seiner Frau Mileva (von der er sich später scheiden,´ließ), den beiden Söhnen Hans Albert und Eduard und einigen anderen Adressaten. Die zwischen beiden Weltkriegen geschriebenen 75 Briefe und Bildpostkarten datieren von 19o9 (aus der Schweiz) bis 1951 ( aus Princeton) und spiegeln die vielfältigen beruflichen, familiären und finanziellen Schwierigkeiten, Veränderungen und Probleme des Wissenschaftlers wieder: Das zunehmend unerträglich werdende und schließlich zur Scheidung führende Eheleben, Einsteins Sorgen um die Absicherung der Familie und das berufliche Fortkommen des 1938 mit seiner jungen Familie noch rechtzeitig in die in die USA emigrierten ältesten Sohnes. Die Sammlung, die nicht nur Wissenschaftler interessieren dürfte, wird für 250 000 Euro angeboten.

Buchhändler in der Emigration


Hingewiesen sei auch auf eine Buchpremiere besonderer Art, die Ernst Fischer Verlegern, Buchhändlern und Antiquaren aus Deutschland und Österreich widmete, die nach ´Hitlers Machtübernahme als Opfer politischer wie rassistischer Verfolgung in verschiedene Erdteile flüchteten und versuchten, dort einen neuen Anfang zu finden. Was den einen mehr oder weniger gut gelang, andere elend scheitern ließ. Ein biographisches Handbuch, mit dem der Professor für Buchwissenschaft an der Mainzer Universität erstmals den vielfältigen Lebens- und Überlebensspuren mehrerer hundert Menschen nachging, für die hier Namen wie Edwin Markus Baer, Ilse und Walter Blumenfeld, Lucien Goldschmidt und Albin Rosenthal stehen sollen. Das Werk wird nicht nur Insider zum Lesen animieren!

Die 50. Stuttgarter Antiquariatsmesse ist von 28. bis 30.Januar im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz zu sehen und täglich von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Infos und Katalog über Tel. 08435/ 909147 oder e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.