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Kunst & KulturAusstellungen › „Von Kaschemmen und Nobelherbergen“ im Institut für Stadtgeschichte

„Von Kaschemmen und Nobelherbergen“ im Institut für Stadtgeschichte

Frankfurt-Kenner Helmut Nordmeyer präsentiert vielschichtige Ausstellung

01.02.13 || FRANKFURT (01 Februar 2013) - „Frankfurter Hof und Krawallschachtel in der City oder Weiße Lilie in Bornheim - trotz erheblicher Kriegsverluste hat die Main-Metropole doch noch so manchen geschichtsträchtigen Gastronomiebetrieb aufzuweisen", unterstrich Dr. Evelyn Brockhoff, leitende Direktorin des Instituts für Stadtgeschichte, bei Vorstellung der neuen Sonderausstellung „Von Kaschemmen und Nobelherbergen. Gastronomie in Alt-Frankfurt", die am Montag, 4. Februar 2013, um 18 Uhr im Karmeliterkloster eröffnet wird.

Als traditionsreiche Messestadt, als Wahl- und Krönungsort der deutschen Könige und Kaiser des Heili-gen Römischen Reiches Deutscher Nation sowie als Verkehrsknotenpunkt mit langer Historie zog Frank-furt am Main seit jeher Gäste in großer Zahl an. Im Laufe der Zeit etablierte sich ein umfangreiches Hotel- und Gaststättengewerbe, das nicht nur Auswärtigen, sondern auch Hiesigen als Anlauf- und Treffpunkt diente. So zählte die Stadt Anfang des 20. Jahrhunderts zu den bedeutendsten deutschen Tourismusmagneten, die mit Apfelweinwirtschaften, Nobelhotels und Ausflugslokalen eine vielfältige gastronomische Palette bereithielt.

Die neue Sonderausstellung im Institut für Stadtgeschichte dokumentiert das Gastgewerbe der Main-Metropole bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Kundig erarbeitet hat sie der langjährige Ausstellungskura-tor Helmut Nordmeyer, Leiter der Abteilung Sammlungen des Instituts. Er lädt die Besucher nach einem kurzen Rückblick auf die Entwicklung seit dem Mittelalter zu einem Rundgang - Stadtviertel für Stadtviertel - durch die ehemals enorm vielfältige Frankfurter Hotel- und Gaststättenszene bis 1943/44 ein. Kleine, beschauliche Apfelweinwirtschaften der Altstadt standen mondänen Vergnügungsetablissements der Innenstadt und des Bahnhofsviertels gegenüber, in denen Hunderte von Gästen gleichzeitig bewirtet werden konnten. Glitzerwelt und Hektik der modernen Großstadt und reichsstädtische Fachwerkidylle, Geschichte und Gegenwart, lagen dicht beieinander.

Die meisten der in der Ausstellung gezeigten Lokalitäten sind zusammen mit Alt- und Innenstadt im Zweiten Weltkrieg untergegangen. Auch wenn seither zahllose neue Gaststätten und Hotels entstanden und die Frankfurter Gastronomie zu neuen Höhenflügen ansetzte, so ließ sich doch die besondere Mischung von urigen Altstadtkneipen und mondänen Innenstadtlokalen nicht wiederherstellen. Das, was einst den Charme des gastronomischen Lebens der Main-Metropole ausmachte und was mit den Luftangriffen von 1943/44 unwiderruflich verloren ging, führt die Ausstellung nochmals in vielen Abbildungen und Fotos vor Augen.

„Daneben war es mir aber auch wichtig zu zeigen, aus welchen Beständen des Instituts viele Informatio-nen zu den Betrieben stammen", machte Kurator Nordmeyer deutlich. „Gerade die Konzessionsakten bieten - so trocken sie auch sind - zuweilen tiefe Einblicke in die Alltagswelt." Besonders eindrücklich kommt dies bei den von Nordmeyer ausgewählten Dokumenten zur NS-Zeit zum Ausdruck. Als „Verkehrslokale von Homosexuellen" ziehen 1938 vier Gaststätten die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich. Verunglimpft „als die übelsten ihrer Art", sollen sie geschlossen oder gegenüber ihren Inhabern „zumindest eine eingehende Verwarnung mit entsprechenden Auflagen" ausgesprochen werden. Auch über dem als „Nichtarier" verdächtigen Inhaber der „Sportzentrale zum dicken Julius" braut sich 1941 das Unheil der NS-Verfolgungsmaschinerie zusammen. Von der NSDAP-Ortsgruppe Altstadt denunziert, wird dem Polizeipräsidium bald darauf von der Wirtschaftsgruppe Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe die Schließung des Lokals nahe gelegt: „Nach meiner Auffassung hat ein Mischling 2. Grades im dritten Reich keine Berechtigung eine Gastwirtschaft zu führen ... Heil Hitler!" Bald darauf war „Zum dicken Julius" nicht mehr nachweisbar. Durch die geschickte Auswahl der Dokumente zeigt Nordmeyer in der Ausstellung so ganz beiläufig die bedrückende Realität der NS-Zeit jenseits von Apfelweinseligkeit und mondänen Vergnügungspalästen.

Die Schau ist bis 23. Juni 2013 montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr und am Wochenende von 11 bis 18 Uhr in der Münzgasse 9 zu sehen. Mittwochs am 7., 14. und 21. Februar ist sie zudem bis 20 Uhr geöffnet. Die parallel zur Ausstellung im Sutton-Verlag (ISBN 978-3-95400-125-5) erschiene, gleichnamige 160-seitige Publikation mit 252 Abbildungen ist im Karmeliterkloster oder im Buchhandel für 24,95 € erhältlich. Weitere Informationen unter www.stadtgeschichte-frankfurt.de. (jzw/ifstge)