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Kunst & KulturAusstellungen › Künstler des Rhein-Main-Gebietes in der Welt unterwegs

Künstler des Rhein-Main-Gebietes in der Welt unterwegs

Das Frankfurter Museum Giersch präsentiert Kunst des 19. und frühen 20.Jahrhunderts             von Britta Steiner-Rinneberg

08.04.13 || altFRANKFURT (07. April 2013) - Es war das Fremde und Exotische der Naturlandschaften, der Menschen und ihrer Kulturen, das im 19. und frühen 20.Jahrhundert Künstler und Künstlerinnen mit Macht in unbekannte Länder lockte, um sich von Licht und Vegetation, Vielfalt der Farben und Formen inspirieren zu lassen. Neue Eindrücke zu sammeln, Themen, Motive und Ideen mit Stift und Pinsel festzuhalten und das Erschaute und Erlebte zu Hause zu verarbeiten, waren in diesem Zeitraum auch Maler des Rhein-Main-Gebiets unterwegs. Was sich in Studien, Skizzen, Aquarellen, Gemälden und später auch Fotografien niederschlug, ist unter dem Titel „Faszination Fremde" derzeit im Frankfurter Museum Giersch in einer bis zum 14.Juli dauernden, umfassenden Ausstellung zu sehen.

G.F.A. Lucas (1846) Wäscherinnen am Brunnen in Frascati (The Sander Collection)

Die von 40 Künstlern aus Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, Darmstadt, Offenbach und dem Umland geschaffenen 130 präsentierten Bilder, die zwischen 1825 und 1942 entstanden, ließen damals beim Betrachter bald den Wunsch aufkommen, es den reisenden Malern gleich zu tun: Nicht nur die unbekannten Länder Europas und ihre Menschen kennen zu lernen, sondern auch den bestenfalls aus Büchern bekannten Fernen Osten und Amerika, um die fremden Welten mit ihren landschaftlichen Schönheiten und historischen Sehenswürdigkeiten selbst in Augenschein zu nehmen und auf sich wirken lassen. Der Wunschtram vieler löste den Beginn einer sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigernden, ungeheuren Reisewelle aus, die ihren Höhepunkt bis heute noch nicht erreicht hat.

REISEN AUF EIGENE GEFAHR UND KOSTEN


Die sich über mehrere Stockwerke des Museums verteilende Schau beginnt natürlich mit Italien als Land der Sehnsucht und klassischem Reiseziel dieser Zeit. Es folgten Frankreich mit Paris und der Schule von Barbizon, Skandinavien mit seinen Bergwelten in Schnee und Eis, der Balkan, Russland, Ferne Osten und die „ Neue Welt" als Ziele, zu denen sich die Maler auf damals noch beschwerlichen, oft abenteuerlichen Wegen aufmachten: Ein ebenso riskantes wie kostspieliges Unternehmen, denn finanzierte Auftrage waren eine große Seltenheit! Die sich oft über Wochen oder Monate hinziehenden Aufenthalte wurden zumeist aus eigener Tasche bestritten oder mit Unterstützung fremder Gönner. denn nur ganz wenige Künstler verfügten über einen gesicherten finanziellen Hintergrund.

altMathilde Battenberg (1878-1936) - Provencelandschaft 1914, Öl auf Leinwand, 60 x 73 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main - ARTOTHEK

Italien mit seinen von Licht durchfluteten, zauberhaften Küstenregionen, den malerischen Häfen, Seen, Gärten und Bergen, den Kunstwerken in Kirchen und Palästen und nicht zuletzt seinen aufgeschlossenen Menschen mit ihren südländischen Sitten und Bräuchen, eröffnet die Schau, die einen lebendigen Eindruck von dem vermittelt, was die Künstler des Rhein-Main-Gebiets bewegte, fesselte und auf Papier und Leinwand bannen ließ.

MIT STAFFELEI, MALUTENSILIEN UND SCHEMEL AUF SIGHTSEING-TOUR


Um die Mitte des Jahrhunderts löste Frankreich Rom als europäische Kunstmetropole allerdings ab. Mit Ludwig Knaus, K.P. Burnitz, Paul Eberz und F. K. Hausmann kamen erstmals Künstler aus der Region Rhein-Main nach Paris und besuchten von dort aus Barbizon, die von Corot, Rousseau und Jules Dupre mit neuen Auffassungen von Landschaftsmalerei ins Leben gerufene, berühmte Schule. Mit Staffeleien, Schemeln und Kartons, mit Tuben. Pinseln und sonstigen Malutensilien zogen sie hinaus, um in der freien Natur und mit Farben, die ihr entsprachen, zu arbeiten. Burnitz, der als einer der ersten Rezipienten dieser Schule gilt, kehrte mit neuer Sichtweise ins Rhein-Main-Gebiet zurück und nahm großen Einfluss auf die Kronberger Malerkolonie.
Im gleichen Zeitraum begeisterten sich andere Künstler für den Orient mit seiner fremdartigen Vielfalt, unbekannten Tierwelt, kargen Vegetation und der fremd anmuten Lebenswelt der Menschen. Aus dem heimischen Gebiet bereisten vor allem Eugen Bracht, Friedrich Frisch und Adolf Schreyer diesen Teil der Erde, dessen Eindrücke sie entweder authentisch wiedergaben oder malerisch effektvoll interpretierten.

altEugen Bracht (1882) Rast in der Araba (The Sander Collection)

Dem Gebiet Osteuropa mit dem urwüchsigen, einfachen Leben seiner Bewohner widmeten sich Künstler wie Wilhelm Amandus Beer, der auf Jagdszenen mit Wölfen und Bären, auf Jahrmärkte und weltabgelegene, tief verschneite Dörfer spezialisierte „Russen-Beer" und Adolf Schreyer, der neben Ungarn, der Walachei und Galizien auch Südrussland bereiste und viel auf der Krim arbeitete. Schreyer motivierte einen zehn Jahre jüngeren, hoch begabten Malerkollegen, seinen Spuren zu folgen: Heinrich Winter wurde vor allem durch seine lebendigen Bilder aus Siebenbürgen und Rumänien, die ungarischen Reiter und die farbfrohen Alltagsszenen aus dem Zigeunerleben bekannt und berühmt.

altHans Thoma (1880) Die Zitronenverkäuferin (The Sander Collection)

Nach Amerika, in die „Neue Welt", machten sich nicht zuletzt des Kolonialhandels und der einsetzenden Auswanderungswellen wegen neben vielen anderen auch Künstler des Rhein-Main-Gebietes auf den Weg und schreckten vor der ebenso langen, wie beschwerlichen Schiffsreise nicht zurück. Louise von Panhuys war besonders an der fremden Pflanzenwelt Surinams interessiert und stellte ihre Arbeit voll in den Dienst der botanischen Forschung. Adolf Hoeffler, der sich mehrere Jahre in Nordamerika und Kuba aufhielt, widmete sich überwiegend der exotischen Flora und Erkundung des Urwaldes, über den er auch Reiseberichte in amerikanischen Zeitschriften veröffentlichte. Paul Weber hatten vermutlich die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse nach 1848 den Ausschlag gegeben, übers große Wasser zu schiffen und für zwölf Jahre in Pennsylvania ansässig werden, wo er Mitglied der Akademie wurde. Mit seinen Landschaften und regionalen Motiven stand er in der Tradition der amerikanischen „Hudson-River-School".

VON DER ALPENMALEREI DES 19. JAHRHUNDERTS ZUR KUNST DER MODERNE


Bergseen und Gipfel, die den Malern bislang fast nur als wirkungsstarke Hintergründe dienten, entwickelten sich in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts zu einer eigenständigen Motivgattung und rückten als imposante. urzeitliche Zeugen der Erdgeschichte zunehmende in den Vordergrund. Die Alpenmalerei, die mit den Solitären Mönch, Eiger und Jungfrau vermutlich im Berner Oberland ihren Anfang nahm, das norwegische und schottische Hochland mit seinen Schluchten und Mooren, die gläsernen Arktisgebiete und die raue, unwirtliche Welt der Walliser Alpen hatten es Malern wie August Becker und Eugen racht besonders angetan, beflügelten ihre Arbeit und rückten immer mehr in den Blickwinkel. Das Interesse der Käufer für die gängige Motive nahm ständig zu, führte zu florierenden Geschäften, aber auch zu marktstrategischen Spezialisierungen und Wiederholungen, wofür Schreyers berühmte Reiter- und Pferdebilder gute Beispiele sind.

altAdolf Hoeffler (1852) Sioux-Häuptlinge (Privatbesitz). Fotos: Museum Giersch (5)

Die künstlerische Aneignung der Fremde setzte sich auch im frühen 2o.Jahrhundert fort. in dem das Reisen mit modernen Verkehrsmitteln weit leichter und schneller geworden war. Die mediterranen Regionen Südfrankreich, Italien, Portugal, Spanien und die Inselwelten rangierten weiterhin an erster Stelle. Nordafrika, der nahe Osten, Mittel -und Südamerika und Zentralafrika erfreuten sich wachsenden Interesses der Künstler, die sich vom Fremden einfangen und inspirieren ließen. Freilich auf andere Weise als ein Jahrhundert zuvor:

Die bislang beliebte illusionistische Abbildhaftigkeit hatte nach der Jahrhundertwende Form und Farbe als Ausdrucksträgern zunehmend Platz gemacht. Es waren die rasch wechselnden Strömungen von Impressionismus, Jugendstil, Expressionismus, Kubismus und Neuer Sachlichkeit, die nun auch die Bilder der Rhein-Main-Maler prägten. Namen wie Rudolf Gudden, Hans Christiansen, Josef Eberz und Paul Thesing stehen dafür. Imaginierte, erdachte oder erträumte Bilder entstanden, die von einem weitab der westlichen Hochkultur angesiedelten, idealisierten Leben in fernen Regionen erzählten, mit die Künstler auf ihrer Suche nach unverbrauchter bildnerischer Kraft mit Zeichenhaft und Pinsel in verkürzter Sprache an archaische Zeiten anknüpften und sie dem Betrachter nahe zu bringen suchten.

Die Frankfurter Ausstellung, zu der es einen gut informierenden Katalog gibt, bietet außerdem Gruppen -und Familienführungen und Vorträge an und in den Sommerferien ein reizvolles Kinderprogramm. Geöffnet ist täglich bis 18 Uhr (außer Mo), auch am 1.Mai, an Himmelfahrt, Pfingstmontag und Fronleichnam. Weitere Infos über Telefon 069 - 63 30 41 28.