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Kunst & KulturAusstellungen › Oberursel und der Erste Weltkrieg: „… Hohe Begeisterung durchzog die Gemüter und überflutete die ganze Stadt …"

Oberursel und der Erste Weltkrieg: „… Hohe Begeisterung durchzog die Gemüter und überflutete die ganze Stadt …"

Der Krieg veränderte vieles im Leben der Stadt und seiner Bewohner - Die Ausstellung im Stadtarchiv ist allen Oberurselerinnen und Oberurselern gewidmet           von Andrea Bott und Linda Rischar*

01.11.14 || altOBERURSEL (31. Oktober 2014) - Dank der Stiftung von Else Moench ist das Stadtarchiv im Besitz von Familienfotografien aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Ein Foto einer Kriegstrauung, eines Kriegskindes und ein Gruppenfoto mit späteren Gefallenen stehen in der Ausstellung stellvertretend für die Schicksale vieler Oberurseler Einwohner.

1914 war Oberursel eine prosperierende Stadt - Am dritten Kriegstag waren schon Einschränkungen zu spüren


Oberursel war bei Ausbruch des Krieges eine prosperierende Gemeinde, die sich zahlreiche damals „luxuriöse" Einrichtungen leisten konnte, wie z.B. eine Oberrealschule (für Jungen) und ein Lyzeum (für Mädchen), ein Elektrizitätswerk und ein Wasserwerk. Die „Staatsbahn" (heutige S-Bahn) und die „Frankfurter Lokalbahn" (heutige U-Bahn) verbanden Oberursel mit Frankfurt und der weiten Welt. Die Klinik Hohemark zog Patienten der „höheren Stände" nach Oberursel. Kurz vor Kriegsbeginn plante man den Bau der heutigen Christuskirche und konnte sie am 28. Juni 1914 einweihen.

Der städtische Verwaltungsbericht 1914 über den Kriegsausbruch am 1. August 1914 sagt: „... Hohe Begeisterung durchzog die Gemüter und überflutete die ganze Stadt ... Mit der Einstellung des Bahnverkehrs am dritten Mobilmachungstage entstand zunächst eine größere Stockung im Wirtschaftsleben, da nun die meisten Fabrikanten ihre Betriebe schlossen. Hierdurch gab es eine größere Arbeitslosigkeit und ... eine Knappheit an Lebensmitteln aller Art ...".

Die prekäre Lage bei der Nahrungsmittelversorgung verstärkte sich 1916 durch wachsende Großbetriebe mit erhöhtem Personalbestand, die für das Heer produzierten. Die anfängliche Kriegsbegeisterung verflog mit Fortdauer des Kriegs.

Die neue Rolle der Mädchen und der Frauen


Wegen des kriegsbedingten Arbeitskräftemangels war „... die deutsche Frau ... in viele Berufe eingetreten, welche sonst nur von Männern erfüllt wurden ..." (Verwaltungsbericht 1915) und diese Tatsache bewirkte ein Umdenken in der Mädchen-Erziehung. „... «höhere Bildung» ... erfordert nicht etwa ein sog. «feines Wesen», sondern eine einfache ... Lebensauffassung und die Ausformung eines starken, arbeitsamen, sittlichen Charakters, wie er sowohl für das Leben der gebildeten deutschen Hausfrau als auch für die Tätigkeit in irgend einer öffentlichen oder privaten Stellung notwendig ist." (Oberurseler Bürgerfreund, 4.4.1916). Für Witwen von Kriegsteilnehmern rief die Gewerbliche Fortbildungsschule im September 1916 auf zur „Fortbildung in Verwaltungsarbeiten bei Fortführung eines Handwerksbetriebes".

altDie Bahnsteigschaffnerin kontrollierte während der Kriegsjahre 1914/18 den Zugang zu den Bahnsteigen. Foto: Stadtarchiv Oberursel

Als Beispiel für Frauen in Männerberufen zeigt die Ausstellung das Foto einer „Bahnsteigschaffnerin" von 1914/18, die den Zugang zu den Bahnsteigen kontrollierte. Doch nicht nur auf beruflicher Ebene mussten Frauen „ihren Mann stehen". Sie waren auch tätig in der Verwundetenpflege, bei der „Ver¬band- und Erfrischungsstelle" des Vaterländischen Frauenvereins (Begrüßung von Verwundeten und Heimkehrern), bei der Versorgung der Soldaten durch Feldsendungen und, und, und ...

Kartengrüße Verharmlosten die Situation vor Ort - Keine Jammerbriefe ins Feld


Auf einer Postkarte von November 1916 heißt es: „... wie gefällt es Dir bei den Preußen, hoffentlich noch gut ...Bei uns ist aber auch gar nichts mehr los. Ihr fehlt im Hirsch [Gasthaus] ..." Dieser Kartengruß war eine bewusste Verharmlosung der Zustände in der Heimat. Die Schreiberin hatte sich die Aufforderung im Oberurseler Bürgerfreund vom 5.2.1916: „Schreibt keine Jammerbriefe ins Feld" zu Herzen genommen. Und auch von der Front kamen wegen der Zensur „geschönte" Grüße. Umso erstaunlicher, dass eine Feldpostkarte von Heinrich Hoffmann vom 25.2.1917 seine Familie erreichte; der Text lautete: „Meine Lieben! Aushalten, Durchhalten, Stillsein, Pflichttun! ..."

Nahrungsmittel wurden knapp und Kriegsgefangene wurden interniet


An der „Heimatfront" hatten sich seit Kriegsausbruch die Verhältnisse geändert. Viele Verwundete kamen in dem 1914 eingerichteten Reserve-Lazarett unter (weitere Lazarette folgten) und schon seit 1915 wurden Lebensmittelkarten ausgegeben. Die Nahrungsmittel-Knappheit verstärkte sich durch die 1916 einsetzende Vollbeschäftigung, die verbunden war mit einer Zunahme der Arbeiterzahl. Grund hierfür war die Umstellung fast aller Oberurseler Fabriken auf die Produktion für das Heer. Es kam sogar zu Arbeiter-Mangel und 1915-1918 wurden Kriegsgefangene in Oberursel interniert.

Ehrenmal für die Gefallenen und Vermissten wurde 1930 im Maasgrund errichtet


Am 8. November 1918 erreichte die Revolutionsbewegung Oberursel. Man forderte Lebensmittel, die Abdankung des Kaisers und die Einführung der Republik. Es bildeten sich wie überall in Deutschland ein Arbeiter- und ein Soldatenrat (11.11.1918). Der Soldatenrat existierte bis 12. Dezember 1918, er beschäftigte sich vorwiegend mit der Sammlung und Kontrolle der Kriegsheimkehrer. Der Arbeiterrat zur Überwachung der Stadtverwaltung blieb bis 1920 bestehen.

Bei Kriegsende verzeichnete die Stadt Oberursel 153 Gefallene und 16 Vermisste sowie 56 Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Das 1930 eingeweihte Ehrenmal für die Oberurseler Opfer des Ersten Weltkriegs im Maasgrund nennt 224 Namen.

Die Ausstellung im Stadtarchiv, Schulstraße 32, ist bis März 2015 geöffnet:
Montags 08:00 - 12:00 und 14:00 - 17:30 Uhr - Mittwoch 08:00 - 12:00 und 13:00 - 16:00 Uhr und nach Vereinbarung.

*Der Beitrag wurde im Stadtarchiv Oberursel von Archivleitrin Andrea Bott und Archivmitarbeiterin Linda Rischar erarbeitet