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Kunst & KulturAusstellungen › Am 1. Mai 193 war die Fotografien Gisèle Freund mit der Leica-Kamera unterwegs

Am 1. Mai 193 war die Fotografien Gisèle Freund mit der Leica-Kamera unterwegs

Einzigartige Zeitdokumentation noch drei Tage im Historischen Museum zu sehen - Murfeld-Schenkung erweitert die Fotografiensammlung des Museums mit seinen rund 290.000 Fotowerken           von Ralph Delhees

30.04.15 || altFRANKFURT (29. April 2015) - Bereits seit Januar zeigt das Historische Museum der Stadt Frankfurt die sehenswerte, feine, kleine Bilddokumentationsausstellung „Gisèle Freund - 1. Mai 1932", die Zeitdokumentationsausstellung war in den vergangenen Monaten sehr gut besucht und wird am Sonntag, 3. Mai, beendet. Die Ausstellung zeigt beeindruckend Bilder einer Mai-Demonstration vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Giséle Freund, die später eine weltberühmte Fotografin wurde, hielt die Geschehnisse mit ihrer Leica-Kamera in 51 Schwarz-Weiß Fotografien vor der Oper und auf dem Römerberg fest. In einem Bildervortrag zur Finissage stellte am Mittwochabend Stadtführer und Stadtteilhistoriker Dieter Wesp die neusten Erkenntnisse zu diesen seltenen Zeitdokumenten vor.

altStadtführer und Stadtteilhistoriker Dieter Wesp erläutert in der Ausstellung die 51 gezeigten einmaligen Fotos vom 1. Mai 1931 von Giséle Freund.

Danach passen die Motive bei genauerer Recherche aber nicht zu den Berichten in den zeitgenössischen Zeitungen von den Demonstrationszügen zum 1. Mai 1932, wie die Ausstellung in ihrem Titel vorgibt, sondern eingehende Bildbetrachtungen und Recherchen in den vergangenen Wochen haben ergeben, dass die Bilder bereits 1931 aufgenommen wurden.

Die Fotos von Gisèle Freund sind rare Dokumente der Stadtgeschichte. Sie zeigen Frankfurt am Ende der Weimarer Republik in einer Mischung aus intellektueller Avantgarde und politischer Zerrissenheit. Die Atmosphäre an einem der Vorabende der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten fängt die Fotografin mit dem Gespür für Stimmungen in ihren Kompositionen ein, für das sie später berühmt wurde. Gisèle Freund nahm diese Zeit als Soziologiestudentin am Institut für Sozialforschung und Mitglied der "Roten Studenten-Gruppe" sehr bewusst wahr. An den Protesten am 1. Mai nahm sie mit ihrer Leica-Kamera teil.

Der Betrachter der Bilder wird in das Geschehen einbezogen


Auf gleicher Augenhöhe mit den Demonstranten sehen die Betrachter durch den Kamerablick der Fotografin die verschiedenen linken Akteure mit Protestschildern und -fahnen zum Stadtzentrum ziehen, während ein Umzug von Korpsstudenten von der Polizei geschützt wird. Am Opernplatz und Römerberg nimmt die Autodidaktin die politischen Redner und die große Menge der Zuhörenden in den Fokus. Aus der Mitte der Demonstrationen heraus fotografiert, zeigt sich in den frühen Aufnahmen bereits die ausgeprägte Begabung für Bildreportagen, die - neben ihren Künstler(innen)- und Schriftsteller(innen)-Porträts - Gisèle Freund später zu einer der bedeutendsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts machten. Die Momentaufnahmen fangen die Ereignisse und Emotionen während der Demonstrationen ausdrucksvoll ein und lassen den Betrachter daran teilnehmen.

altMittendrin, so waren auch die Leser eines Buches, die die Bilder betrachteten. Gleiches erleben die Besucher in der Ausstellung. Auf dem oberen Bild ist deutlich der Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Römerberg erkenntlich

Die Aufnahmen zeigen in der Mehrzahl Situationen vor der Alten Oper und auf dem Römerberg. Die Motive passen bei genauerer Recherche aber nicht zu den Berichten in den zeitgenössischen Zeitungen von den Demonstrationszügen zum 1. Mai 1932: Die kommunistische Versammlung fand in diesem Jahr im *Schumanntheater statt und der Demonstrationszug ging über die Kaiserstraße zum Börsenplatz. Vor allem Details auf einigen der 51 Fotos sprechen dafür, dass die Fotografien Fotos bereits 1931 aufgenommen worden sind: So ist auf einigen Fotografien ein Transparent mit der Aufschrift "12 Jahre Versailles" zu sehen. Die Vertragsunterzeichnung fand im Juni 1919 in Versailles statt, was auf ein Aufnahmedatum 1931 schließen lässt.

Ein anderes Foto zeigt ein Plakat auf einer Litfaßsäule. Es handelt sich im die Einladung der SPD in die Festhalle zu der Veranstaltung "Völker-Freiheit". Regelmäßig am Abend des 1. Mai führte die SPD in der Festhalle große Inszenierungen auf. Die Inszenierung von 1932 trug jedoch den Titel "Wir". Es war die Mai-Veranstaltung der SPD von 1931, die den Titel "Völker-Freiheit" trug. Neben den Unstimmigkeiten im Demonstrationsablauf finden sich hier zwei weitere Indizien, die nahelegen, dass die Fotografien auf dem Römerberg und vor der Alten Oper bereits 1931 aufgenommen wurden.

Portrait von Giséle Freund auf einem demZeitschriftencover  von "du" im März 1993

Gisèle Freund bezeichnete sich selbst als Fotojournalistin, verstand sich aber auch als soziologische Autorin


Gisèle Freund wurde am 19. Dezember 1908 in eine Berliner Kaufmannsfamilie jüdischer Herkunft hineingeboren. Sie kam 1930 als Studentin der Soziologie nach Frankfurt, wo sie am Institut für Sozialforschung unter Karl Mannheim studierte und an Seminaren von Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Norbert Elias teilnahm. Selbst Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund, war sie mit ihrer Leica-Kamera dabei, als die politischen Gruppierungen der Arbeiterbewegung am 1. Mai - wie jetzt festgestellt - 1931 gegen die Regierung und den immer größer werdenden Einfluss der Nationalsozialisten auf die Straße gingen und demonstrierten. Es waren die vorletzten freien Maikundgebungen vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

Noch in ihrer Frankfurter Zeit beginnt Gisèle Freund ihre Dissertation „La Photographie en France au XIXe Siècle" (1936), die in erweiterter Fassung 1974 auf Deutsch unter dem Titel „Photographie und Gesellschaft" erscheint. Von dem Soziologen Norbert Elias wurde sie wissenschaftlich betreut und zu der kunstsoziologischen Studie angeregt. Darin beschäftigt sie sich mit den Anfängen der Porträtfotografie in Frankreich unter soziologisch-ästhetischen Gesichtspunkten. Aufgrund der Recherchetätigkeiten hielt sie sich bereits 1931 für ein Forschungssemester in Paris auf, wohin sie dann im Mai 1933 vor der Verhaftung durch die Nationalsozialisten floh. Gisèle Freund bezeichnete sich selbst als Fotojournalistin, verstand sich aber immer auch als soziologische Autorin.

altJan Gerchow, Direktor des Historischen Museum Frankfurt, präsentierte Anfang Januar diesen Jahres zusammen mit dem Stifterehepaar Margarethe und Martin Murtfeld (von links) die einmaligen Fotografien von Gisèle Freund. Margarethe Murtfeld zeigt Portrait von Gisèle Freund und Jan Gerchow hält eines der am 1. Mai 1931 von Gisèle Freund festgehaltenen Bilder, die während einer Demonstration der Kommunisten in Frankfurt entstanden. Fotos (4): Ralph Delhees

Sammlerehepaar Murtfeld schenkte der Stadt die 51 Schwarz-Weiß-Fotografien


Die Fotografiensammlung des Historischen Museums Frankfurt umfasst rund 290.000 Werke - von den frühen Anfängen der Fotogeschichte in Frankfurt bis heute. Zum Jahresbeginn schenkt das Sammlerehepaar Margarethe und Dr. Martin Murtfeld der Stadt Frankfurt die 51 Schwarz-Weiß-Fotografien von Giséle Freund. „Dieser großzügigen Schenkung verdankt das Museum einen spektakulären Sammlungszuwachs", freute sich Museumsdirektor Jan Gerchow, „weil es sich um das Frankfurter Frühwerk einer der bedeutendsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts handelt. Die Fotografien von Gisèle Freund sind für die Sammlung unter vielen Gesichtspunkten eine wertvolle Bereicherung, sie dokumentieren z. B. einen Wendepunkt der Stadtgeschichte unmittelbar vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933." Die Silbergelatineabzüge auf Barytpapier wurden 1995 in Paris von den Originalnegativen (1932) abgezogen und von Gisèle Freund autorisiert.

Dr. Martin Murtfeld war (gerade) mit seiner Frau Margarethe Murtfeld aus beruflichen Gründen von Frankfurt nach Paris gezogen. 1994 lernte diese die 86-jährige Fotografin Gisèle Freund kennen. Durch den gemeinsamen Bezug zu Frankfurt rückten die Fotos - die damals noch geglaubten Bilder - vom 1. Mai 1932 in den Fokus der freundschaftlichen Gespräche und Gisèle Freund ließ sich dafür gewinnen, die Serie vom Negativ abziehen zu lassen und in Frankfurt auszustellen. Die großzügige Schenkung der Bilderserie an das Historische Museum ist der Anlass, sie - nach einer ersten Ausstellung im Museum für Moderne Kunst im Jahr 1995 - jetzt noch bis Sonntag, 3. Mai, im 13. Sammlerraum zu sehen sind. Mit der Integration in die öffentlich zugänglichen Sammlungen des Historischen Museums ist für alle Interessierten die Erreichbarkeit auch in Zukunft ermöglicht.

Gisèle Freund-Ausstellung im Historisches Museum Frankfurt, Fahrtor 2, noch bis Sonntag, 3. Mai 2015

*Anm. der Redaktion: Das Schumanntheater stand gegenüber des Frankfurter Hauptbahnhofes und wurde im Krieg Opfer der Bomben. Die Ruine stand noch is in die 60er Jahre