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Kunst & KulturAusstellungen › Unvergessliche Werke, mitreißende Orchester und Solisten

Unvergessliche Werke, mitreißende Orchester und Solisten

Händels "Messiah" als dritter Höhepunkt in der Basilika - Rheingau Musik Festival Teil II von Britta Steiner-Rinneberg

22.07.15 || altKLOSTER EBERBACH (22. Juli 2015) - „Messiah", Händels populärstes und bedeutendstes Oratorium mit durch Einzelgesänge verbundenen 21 Chorsätzen stand als dritter Höhepunkt des Rheingau Musik Festivals in der Basilika von Kloster Eberbach auf dem Plan Das begeisterte Publikum feierte Musiker und Sänger nach drei Stunden mit lang anhaltenden Ovationen.

Das vom Orchestra of the Age of Enlightenment, dem gleichnamigen Choir und prominenten Solisten aufgeführte, mächtige Werk mit dem weltberühmten "Halleluja-Chor" stand unter Leitung des von den Händel- Festspielen in Halle her bekannten Cembalisten und Dirigenten Laurence Cummings, der zu den profiliertesten Vertretern der historischen Aufführungspraxis zählt und beim RMF sein Debüt gab..

Blick auf die Rückseite von Kloster Eberbach, im Vordergrund die Basilika. Foto: Ralph Delhees

Das dreiteilige Werk mit dem nach der King-James-Bibel verfassten Bericht hat als Themen die "Erwartung des Messiah", das " Leben Jesu" und die "Vollendung der Heilsgeschichte". Obgleich vielen Musikliebhabern bestens bekannt, riss diese Einstudierung der Briten in Kloster Eberbach sie sozusagen von den Stühlen. Die Grundgedanken adäquate Stärke, Perfektion und Aussagekraft der Choristen, die das deutschen Protestantismus und tradierte englische Kathedralmusik verschmelzende Werk darboten, das Händel innerhalb von drei Wochen komponierte, ließen auch diesen dritten großen Abend zum Erlebnis werden.

Der Chor und das auf historischen Instrumenten spielende Orchester fesselten mit Klangschönheit und feinsten Schattierungen und ließen die drei Stunden Aufführungsdauer, denen die Solisten zusätzliches Gewicht verliehen, fast wie im Flug vergehen. Als Sänger ist voran der in Oxford geborene und als Konzert - und Oratoriensänger viel gefragte Bassist George Humphreys zu preisen, der im Opernbereich derzeit als Balsrode in Brittens "Peter Grimes" und als Collatus in "The Rape of Lucreia" großen Erfolg hat. Desgleichen der am Londoner Royal College ausgebildete, vorzügliche Countertenor Tim Mead, der nicht nur auf der Konzertbühne, sondern auch in Händel - Opern wie "Orlando" und "Giulio Cesare" gefeiert wird. Die Sopranpartie war mit Katherine Watson besetzt, die auch in Bachs Passionen und in Mozarts " Requiem" die Aufmerksamkeit der Hörer auf sich zog.

Festival-Besucher feierten Grigory Sokolov


Nach einem Klavierabend mit der Komponistin und Pianisten Lera Auerbach, die in Johannisberg mit Mussorgkys " Bildern einer Ausstellung" brillierte, nach einem Konzert mit dem zum 2 mal im Thiersch-Saal beim RMF gastierenden "Ukulele-Orchester" und dem Klavierabend mit dem kalifornischen Pianisten Kit Armstrong, der im Metternichsaal mit Bachs " Goldberg-Variaionen" beglückte, wartete mit dem Pianisten Grigory Skokolov im Kurhaussaal ein Erlebnis besonderer Art auf die Musikliebhaber. Der in St. Petersburg geborene, höchst eigenwillige, russische Pianist, der sein Programm fast stets bis zuletzt geheim zu halten pflegt und das Publikum deshalb umso gespannter macht, sorgte wiederum für ein ausverkauftes Haus, das ihn zum Schluss mit Ovationen feierte, denen fünf Zugaben folgten. Sokolovs Interpretation von Herzstücken des klassischen Repertoires und wenig bekannter Raritäten lassen seine Konzerte seit Jahren´in Baden-Baden wie im Rheingau für viele Musikliebhaber zu wahren Ereignissen werden, die schon auf die nächste Begegnung mit dem Künstler gespannt machen.

Der Pianist Grigory Sokolov

Für diesen "Sommer voller Musik" hatte der 65jährige Weltklasse - Pianist ein J.S. Bach, Beethoven und Schubert gewidmetes Programm vorbereitet, das er mit Bachs eigenwillig ausgelegter Partita 1 B dur begann und im zweiten Teil mit Beethovens Klaviersonate Nr, 7 D-Dur fortsetzte, deren im zweiten Satz fast zelebrierte Langsamkeit den Zuhörern fast den Atem benahm. Schuberts bereits 1823 komponierte, aber erst in seinem Todesjahr 1828 veröffentlichten sechs " Moments musiceau" bildeten des Pianisten " Überraschung". Mit ihrer Transparenz und nahezu süchtig machenden Melodik wurden diese leider wenig bekannten, im Schatten von Schuberts viel gespielten finalen Sonaten stehenden "Moments" nahezu vergessen. Sokolov gelang es unschwer, sie in ausdrucksvoller Interpretation wieder ans Tageslicht zu holen und den Besuchern des Rheingau Musik Festivals neu vorzustellen.

Paavo Järvi und die Bremer Kammerphilharmonie


An zwei exklusiven Abenden gab es im Kurhaus die Gelegenheit des Wiedersehens mit einem berühmten Orchester und drei Künstlern, die Brahms Werke in einer Weise zu Gehör brachten, die für viele sicherlich ungewöhnlich war: Zweimal Brahms und zweimal lautstarke Ovationen! Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen stellte unter ihrem künstlerischen Leiter Paavo Järvi erneut unter Beweis, mit welcher Sorgfalt und Feinfühligkeit sie an ihre durch Vorträge und Workshops zuvor bis ins Detail erarbeiteten Werke herangeht, um das Letzte aus ihnen herauszuholen.

altDie Bremer Kammerphilharmonie mit den Brüdern Capucon unter Paavo Järvi

Adäquate Partner waren in Wiesbaden der Pianist Rudolf Buchbinder únd die Brüder Renaud und Gautier Capucon, die mit Klavier, Geige und Violoncello das Publikum faszinierten, Der österreichische Pianist spielte das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 d-Moll und danach die Sinfonie Nr. 2 D-Dur, in denen er durch scharfe Kontrastierung für eine Spannung sorgte, die man sonst nicht kennt. Dem großen Applaus des Auditoriums für die ebenso ungewohnte wie packende Interpretation ließ der Künstler zum Dank zwei der berühmten "Ungarischen Tänze" von Brahms folgen und hätte nicht besser auswählen können.

Den zweiter Brahms-Abend bestritt einen Tag später die Kammerphilharmonie Bremen mit dem Konzert für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll op. 102, in dem die im Rheingau schon bekannten Brüder, der Geiger Renaud Capucon und sein um zehn Jahre jüngerer Bruder Gautier am Cello, erneut ihr Können unter Beweis stellen konnten. Die französischen Künstler, die ihre gemeinsamen Auftritte auf insgesamt fünf Abende beschränkten, noch einmal hören zu können, wurde für die Zuhörer zu einem mit langem Beifall belohnten Genuss.

Renaud Capucon begann seine Laufbahn bereits mit 14 Jahren und wurde von Claudio Abbado 1997 zum Konzertmeister des Gustav-Mahler-Jugendorchesters ernannt. Er arbeitete mit berühmten Dirigenten wie Barenboim und Pierre Boulez zusammen und ist regelmäßig bei den Salzburger Festspielen, in Luzern und in Tanglewood präsent. Im Wiesbadener Kurhaus spielte er auf einer Guarneri del Gesu, die einst Isaac Stern gehörte und von der Banca Svizzera zur Verfügung gestellt wurde. Sein Bruder Gautier, der auf einem 1701 gebauten Instrument Matteo Goffrillers spielte, gehört inzwischen zu den erfolgreichsten Cellisten seiner Generation. Seine Zusammenarbeit mit prominenten Dirigenten wie Gergiew, Dutoit, Eschenbach und Nezet-Seguin bescherte ihm neben internationalen Preisen zahlreiche Einladungen zu international gefragten Konzerten und Festivals wie dem Rheingauer.

Das Publikum feierte die erfolgreichen Brüder mit herzlichem Applaus, vor allem aber das unter der straffen, präzisen Leitung seines estnischen Dirigenten spielende brillante Orchester. Paavo Järvi, der seit 2004 auch Musikdirektor des Orchestre de Paris ist und seine exzellenten Musiker sind auch auf den Salzburger Festspielen präsent und bereisen neben Europa und Japan auch Nordamerika. Järvi ist außerdem Initiator des Järvi Sommer Festivals und künsterischer Berater des Estonian National Symphony Orchestra.

Bachchor Mainz überzeugte mit der "Missa solemnis"


Beethovens ursprünglich für die Inthronisation Erzherzog Rudolfs von Österreich zum Bischof von Olmütz vorgesehene "Missa solemnis". die erst 1824 in St. Petersburg uraufgeführt wurde, stellt das "persönliche Bekenntnis" des Komponisten dar. In Eberbach wurde das pausenlos durchgespielte Werk unter enthusiastischem Schlussbeifall Beifall der Zuhörer im voll besetzten Gotteshaus förmlich zelebriert.

Beethovens "Missa Solemnis" unter Ralf Ottos Leitung. Fotos (3): RMF/A. Klostermann

Ausführende waren der von Ralph Otto geleitete Bach-Chor Mainz, die Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern und bekannte Solisten, die das mit peinlicher Sorgfalt erarbeitete und höchst expressiv gestaltete Chorwerk dem Publikum vorstellten. Otto. der bis 2oo6 Professor für Chordirigieren an der Folkwangschule Essen war und seitdem an der Hochschule für Musik in Mainz lehrt, ist auf Festivals als geschätzter Dirigent bekannt. Er nimmt sich obendrein erfolgreich der Wiederbelebung fast vergessener Werke unterschiedlicher Stilrichtungen an, um sie den Hörern neu vorzustellen. Mit seinem Ensemble, dem Bach-Chor, ist er oft zu großen Konzertreisen unterwegs, die ihn unter anderem nach Frankreich, Italien und Spanien und sogar bis nach Südamerika führen,

Vom einleitenden, großen Pathos des "Kyriae" bis zum "Angus Dei", der inständigen Bitte um äußeren und inneren Frieden, gelang Otto die sensible Interpretation von Beethovens viel Persönliches verarbeitendem. bewegendem Opus geistigen Ringens, für dass er neben gregorianischem Chorgesang auch Kompositionen Palestrinas sehr genau studiert hatte. Mit diesem persönlichen "Bekenntnis" schuf Beethoven ein wahrhaft monumentales Werk, in dem die Musiker und der dominierende Chor immer wieder zu akzentuierenden, scharfen Kontrasten angehalten waren.

Als Solistin hatte Otto die Altistin Susanne Bernhard, verpflichtet, die auch von Helmuth Rillings Bachfest und vom Schleswig Holstein Musikfestival her bekannt ist, sowie den Oratorienbass York Felix Speer, die Sopranistin Marion Eckstein und den Tenor Dominik Wortig, die vom Publikum gebührend gefeiert wurden. Großer Beifall wurde auch der exzellenten Geigerin Margarete Adorf zuteil, die die Zuhörer mit einem lupereinen, fesselnden Violinsolo hell begeisterte.