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documenta 14: Kassel wird wieder zu einem großen Museum

Bis 17. September ein „Hotspot der zeitgenössischen Kunst" - Land Hessen fördert weltberühmte Ausstellung mit fast 14 Millionen Euro - Athen ein weiterer Schauplatz - Rückblick           von Ralph Delhees

07.06.17 || altKASSEL (07.2017) - Schon der Titel verspricht außergewöhnliches „documenta 14". Die alle fünf Jahre stattfindende weltberühmte Ausstellung zeitgenössischer Kunst hat in diesem Jahr über 160 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt angezogen um ihre künstlerische Schaffenskraft und Ideen in vielfältiger Art und Weise an über 30 Ausstellungsorten zu präsentieren. Die „documenta 14" startet am Samstag, 10. Juni, in Kassel und wird wieder ihrem Anspruch gerecht zu einer der ersten Adressen und Anlaufstellen für Kunstfreunde aus aller Welt zu sein. Seit ihrer Gründung 1955 gilt die documenta als eine der bedeutendsten und international bekanntesten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, da sie eine Vielzahl aktueller internationaler Kunstpositionen präsentiert, die unter anderem auch zu viel Diskussionen in der Vergangenheit führten.

Bereits seit dem 8. April sind documenta-Werke in Athen zu sehen. Bereits schon heute hat Hessens Kunst- und Kulturminister Boris Rhein gemeinsam mit weiteren Ehrengästen aus Politik und Kultur auf der Eröffnungspressekonferenz zur documenta 14 gesprochen. Minister Rhein betonte unter anderem, dass das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst die documenta 14, ihre Vorbereitung sowie den Ausstellungsbetrieb im Museum Fridericianum, mit insgesamt rund 13,8 Millionen Euro fördert, „dies ist mehr als je zuvor".

„Genau 100 Tage lang wird Kassel zum Hotspot der zeitgenössischen Kunst. Die documenta hat sich als eine der bedeutendsten und international bekanntesten Ausstellungen weltweit Anerkennung erworben: Hier werden Debatten um Positionen in der Kultur ausgetragen und Perspektiven für die Zukunft entwickelt. Dieser hohe Anspruch ist für uns zugleich Verpflichtung, auch in Zukunft für angemessene Rahmenbedingungen zu sorgen. Deswegen fördert das Land Hessen die documenta", so der Minister.

altKunst- und Kulturminister Boris Rhein sprach auf der Eröffnungs-Pressekonferenz zur documenta 14 ein Grußwort. © kunst.hessen.de/ Hessisches Ministerium für Kunst und Kultur

Ab Samstag für alle offen - Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird zur Eröffnung erwartet


Die documenta 14 findet läuft bis zum 17. September 2017 und wird vom Künstlerischen Leiter Adam Szymczyk organisiert. Seit heute, 7. Juni, dürfen Fachbesucher die Schau erkunden, am Samstag, 10. Juni findet die offizielle Eröffnung statt.

Ministerpräsident Volker Bouffier hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eingeladen, gemeinsam mit ihm am 10. Juni den Startschuss für die documenta 14 zu geben. „Es ist eine gute Tradition, dass der Bundespräsident das ‚Museum der 100 Tage‘ eröffnet und damit stets erster Gast dieser weltweit größten Ausstellung zeitgenössischer Kunst ist", sagte Bouffier. „Es freut mich, dass Frank-Walter Steinmeier als neues Staatsoberhaupt diesen Brauch fortführt und sein Kommen zugesagt hat".

Stadt wird zu einem großen Museum


Mit der Eröffnung wird die Stadt Kassel zu einem großen Museum. Zu den wichtigsten Schauplätzen gehört beispielsweise der Friedrichsplatz: Hier hat die argentinische Künstlerin Marta Minujín einen „Parthenon der verbotenen Bücher" aufgebaut, einen griechischen Tempel aus Büchern, die alle einmal irgendwo auf der Welt verboten waren und für diejeder Bücher spenden konnte. Die Künstlerin wird das Werk zum Auftakt der Schau einweihen. Die Ausstellung im Fridericianum präsentiert erstmals in Deutschland die Sammlung des Athener Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST). Auf dem Königsplatz zeigt der amerikanische Künstler Olu Oguibe seine Arbeit zur humanitären Hilfe für Kriegsopfer.

Besonders im öffentlichen Raum zeichnen sich weitere Highlights neben dem „Parthenon der Bücher" ab, so die spektakuläre Außenkunstwerke des Ghanaer Ibrahim Mahama, der diebeiden Torwachen-Gebäude mit Jutesäcken verhüllte oder das aus Abwasserröhren nachgebaute Flüchtlingscamp des Deutsch-Irakers Hiwa K. an der documenta-Halle.

„Ich wünsche dieser documenta einen überwältigenden Erfolg und viele Menschen, die an diesem Ereignis teilzunehmen, die Kunst diskutieren und sich von ihr inspirieren lassen. Mein Dank gilt den Organisatoren, Helfern und Sponsoren, ohne die diese großartige Ausstellung nicht zu stemmen gewesen wäre", so Kunst- und Kulturminister Boris Rhein abschließend.

Zweiter Schauplatz ist Athen


Die documenta 14 hat in diesem Jahr mit Athen einen zweiten Schauplatz eingeführt und will damit Kassel und die griechische Hauptstadt zu gleichberechtigten Ausstellungsorten zukünftig machen. Unter dem Motto „Von Athen lernen" findet die documenta seit dem 8. April erstmalig auch in der griechischen Hauptstadt Athen statt. Aus diesem Anlass wird am Samstag auch der griechische Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos bei der Eröffnung der Kunstausstellung „documenta 14" am Samstag in Nordhessen erwartet. In Athen sind die künstlerischen Arbeiten und Exponate bis 16. Juli 2017 zu sehen.

altDie Weltkunstausstellung documenta zieht alle fünf Jahre Hunderttausende Besucher nach Kassel. © documenta / Werner Maschmann/Hessisches Ministerium für Kunst und Kultur

„documenta": Ein Rückblick auf über 60 Jahre Weltkunstausstellung in Kassel*


Die documenta gilt als die weltweit größte und renommierteste Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Alle fünf Jahre wird das in Nordhessen gelegene Kassel zum Dreh- und Angelpunkt von Kunstinteressierten aus dem In- und Ausland, so kamen 2012 über 905.000 Ausstellungsbesucher.

Der Kasseler Maler und Akademieprofessor Arnold Bode versuchte 1955, durch eine „Präsentation der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts" Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder in einen Dialog mit der Welt zu bringen und in das internationale Kunstgeschehen einzubeziehen. Mit Hilfe der von ihm gegründeten „Gesellschaft Abendländischer Kunst des XX. Jahrhunderts e. V." präsentierte er im zerstörten Museum Fridericianum die von den Nationalsozialisten als entartet diffamierte und bis dahin in Deutschland so nie gezeigte klassische Moderne.

Die erste documenta war eine Retrospektive mit Arbeiten aller bedeutenden Gruppierungen (Fauvismus, Expressionismus, Kubismus, Blauer Reiter, Futurismus) und genialer Einzelgänger wie Pablo Picasso, Max Ernst, Hans Arp, Henri Matisse, Wassily Kandinsky oder Henry Moore. In diesem Durchgang durch die Kunstgeschichte der ersten 50 Jahre des Jahrhunderts wurden neben den Klassikern der Moderne auch die deutschen Begründer der modernen Kunst wie Klee, Schlemmer oder Beckmann vorgestellt. Ein enormer Nachholbedarf an Informationen veranlasste 130.000 Besucher, zu dieser Werkschau, die Retrospektive und auch Forum aktueller Kunst war, nach Kassel zu kommen.

Neuer Leiter für jede Ausstellung


Durch den unerwarteten Erfolg ermutigt, plante Bode für 1959 eine zweite Ausstellung und installierte damit den Ausstellungszyklus der Kasseler documenta, die seit 1959 durch eine GmbH mit den Gesellschaftern Stadt Kassel und Land Hessen organisiert wird. Bis zur documenta 4 im Jahr 1968 leitete Arnold Bode zusammen mit renommierten Kunsthistorikern wie Werner Haftmann, Will Grohmann, Werner Schmalenbach und Max Imdahl die Ausstellung, die immer mehr zum Seismographen aktueller Kunstentwicklungen wurde. Mit Harald Szeemann als „Generalsekretär" begann 1972 ein neues Konzept der Ausstellungsleitung.

Eine internationale Jury beruft im Auftrag des Aufsichtsrates der documenta GmbH zu jeder Ausstellung einen neuen künstlerischen Leiter, 1997 zum ersten Mal mit Catherine David eine Ausstellungsleiterin. Jede documenta war geprägt von der Idee und dem persönlichen Konzept eines einzelnen Ausstellungskurators und wurde somit nicht nur ein Forum für die aktuellen Tendenzen der Gegenwartskunst, sondern auch ein Ort innovativer und Maßstäbe setzender Ausstellungskonzepte.

Internationales Gespräch über Kunst


Jede documenta lenkt auf ihre Art das internationale Gespräch über Kunst in neue Bahnen. Die Institution documenta hat sich in den vergangenen Jahrzehnten als ein Unternehmen etabliert, das weit über das einfache Präsentieren, dessen es gerade gibt, hinausweist. Die Diskussionen der internationalen Kunstwelt bündeln sich alle fünf Jahre in dem Kasseler „Museum der 100 Tage". In diesen Auseinandersetzungen und in der Dynamik der Diskussion um die jeweilige Konzeption der documenta (und um ihren künstlerischen Leiter oder ihre Leiterin) spiegeln sich die Erwartungen der Gesellschaft an Kunst wider.

documenta-Institut entsteht


Zur Erinnerung im Jahre 2012 hatte die „documenta 13" einen Etat von rund 30 Millionen Euro, der zu 40 Prozent aus öffentlichen Mitteln (Land Hessen, Stadt Kassel und der Kulturstiftung des Bundes) und zu 60 Prozent aus eigenen Einnahmen bestand. Für die jetzt beginnende documenta 14 hat alleine das Land Hessen der Gesellschaft 4,6 Millionen Euro mehr zur Durchführung der Ausstellung bereitstellen.
Außerdem wird das sich im Aufbau befindende documenta-Institut seit 2016 von beiden Gesellschaftern jeweils mit jährlich einer halben Million Euro finanziert. Das documenta-Institut soll eine eindeutig wissenschaftliche Ausrichtung haben und die documenta nicht nur im Hinblick auf ihre Geschichte aufarbeiten, sondern unter interdisziplinär angelegten Fragestellungen sowie im Kontext einer globalen zeitgenössischen Ausstellungskultur untersuchen und die Bestände des documenta-Archivs integrieren.

„Seit Bestehen der documenta wurden die Zuwendungen des Landes unter Beachtung des geltenden Haushaltsrechts und der Zustimmung des Haushaltsgesetzgebers kontinuierlich den steigenden Anforderungen angepasst", betonte Minister Boris Rhein kürzlich.

Zehn Stunden täglich geöffnet


Über 30 Ausstellungsorte können die Besucher in Kassel ansteuern, dazu gehören öffentliche Institutionen, Plätze, Kinos und Universitätsstandorte an denen die Künstler ihre Arbeiten vorstellen. Vom KulturBahnhof über den Friedrichsplatz bis zur eigens für die documenta verhüllten Torwache - die Ausstellungsorte sind täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet

„Hauptsache Kultur" mit 30-minütiger Sondersendung zur documenta**


Kasselaner und Kunsthistoriker Christian Saehrendt. Foto: © hr/Helena Saehrendt

Am Donnerstag, 8. Juni, berichtet „Hauptsache Kultur" um 22.45 Uhr im hr-fernsehen von der documenta 14, begleitet in seiner Sonderausgabe unter anderem den Künstler Olaf Holzapfel, der Holzskulpturen im Kasseler Auepark aufstellt, und erkundet mit dem Kasselaner Christian Saehrendt die morbiden Seiten der documenta-Stadt. Das Kulturmagazin mit Moderatorin Cécile Schortmann (nebenstehendes Bild: lässt außerdem noch einmal die Tops und Flops der documenta-Geschichte Revue passieren und Anekdoten, Stars und Skandale von einst wieder aufleben.

Quellen: *Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst 2015 - **hr-Fernsehen/hr-newsletter