Banner
 

RheinMainTaunus

OnlineMagazin

Kunst & KulturAusstellungen › Gudd Stubb und Belvederchen der „Goldene Waage“ laden ein

Gudd Stubb und Belvederchen der „Goldene Waage“ laden ein

Prachtbau am Krönungsweg im Dom-Römer-Bereich eröffnet - aufwendigen Schmuckfachwerk und reichen Verzierungen überstrahlt die Umgebung und im Inneren viele kostbare Erinnerungen           von Karl-Heinz Stier

18.12.19 || FRANKFURT (17. Dezember 2019) - Die Goldene Waage ist eines der schönsten rekonstruierten Fachwerkgebäude aus der Renaissance, die im Rahmen der „neuen" Altstadt im Dom-Römer-Viertel am Markt 5 einen leicht anderen Standplatz gefunden hat. Sein Wahrzeichen soll den gerechten Handel und Warentausch mit den Geschäften, Werkstätten und Läden der dort ansässige Verkäufern, Inhabern und Handwerkern symbolisieren. Allein die Eckposition des Hauses, das sich zu Beginn des Krönungsweges von Dom zum Römer in einer exponierten Lage befand, weist mit dem Straßennamen darauf hin, dass hier seit dem Mittelalter das geschäftliche pulsierende Herz der Stadt Frankfurt dominierte.

Die günstige Lage wird wohl auch der ausschlaggebende Grund für Abraham van Hamel sein, als er die Immobilie 1605 erwarb, sie abreißen ließ und 1618 neu instand setzte. Der Niederländer, wohnhaft ehemals im Tournai, einem Zentrum des Textilgewerbes, war Calvinist - wie Jan Gerschow, der Direktor des Historischen Museum erläuterte. Nach dem spanisch-katholischen Eroberer das Land besetzten, floh er als Glaubensflüchtling in das protestantische Frankfurt. Deren Ratsherren und damit das politische Patriziat erkannten die wirtschaftlichen Chancen, die sich aus dem Zuzug von Kaufleuten und Unternehmern aus einigen der prosperierenden Städten des europäischen Kontinents ergaben. Die Neuankömmlinge, meist französischsprachige Wallonen, machten bald bis zu zwanzig Prozent der Bevölkerung aus. Sie waren vorwiegend Tuch- und Seidenhändler sowie Verleger. Van Hamel war Zuckerbäcker und Gewürzhändler.

Bis 1899 wechselten in den vergangenen Jahrhunderten oft die Besitzer. Dann kaufte die Stadt Frankfurt das Anwesen und übertrug es 1913 an das Historische Museum, das 1928 in dem prachtvollen Altstadthaus sein 50jähriges Jubiläum mit der Ausstellung „Aus Alt-Frankfurter Bürgerhäusern" feierte und es fortan auch als Ausstellungshaus nutze und vor allem Möbel, Gemälde und andere Gebrauchs- und Einrichtungsgegenstände des 17. und 18. Jahrhunderts zeigte.

Im März 1944 wurde die Goldene Waage - wie der größte Teil der Frankfurter Innenstadt - durch Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg zerstört. Das Haus verschwand im Stadtbild, bis es zur detailgetreuen Rekonstruktion der neuen Altstadt im Rahmen des Dom-Römer-Projekts (2014-2018) kam. Viele Einrichtungsgegenstände und Bauteile von früher konnten gerettet werden.

Der jetzige Nachbau mit seinem aufwendigen Schmuckfachwerk und reichen Verzierungen überstrahlt seine Umgebung. Das Goldene Hauszeichen auf der Ecke von Markt und Höllgasse kündete von Glanz und Reichtum des früheren Erbauers. Aber auch die Inneneinrichtungen in den beiden Stockwerken und der Dachausbau wurden wieder rekonstruiert, zumal es sich eines stets herauskristallisierte: viele Eigentümer kamen aus gut bürgerlichem Hause, die Einrichtungen in den verschiedenen Stockwerken deuten darauf hin, dass man gerne den Lebensgewohnheiten adliger Familien nacheifern wollte. Das Historische Museum hat nun die beiden Obergeschosse des Vorderhauses mit echten Antiquitäten des 17. und 18. Jahrhunderts so bestückt, wie sie die wohlhabende Händlerfamilie van Hamel und deren Nachbesitzer bewohnt haben könnten.

Die Große Stube im 1.Obergeschoss diente neben Wohnzwecken vor allem der Repräsentation der Hausherren. Sie legten Wert - wie Oberbürgermeister Peter Feldmann und Maren Christine Härtel von den Restaurierungswerkstätten des Historischen Museums beim Rundgang hinwiesen - vor allem auf zwei Kostbarkeiten: Die Decke mit mehrfarbigem Stuck überzogen, die Themen aus dem Alten Testament darstellten und ein doppelgeschossiger Fassadenschrank aus zwei übereinandergestapelten Truhen von 1620. Hier konnten Kleidung und Wäsche nur zusammengelegt aufbewahrt werden. Auch ein Ehebett stand zuerst noch in dieser Räumlichkeit. Erst später wurde ein eigenes Schlafzimmer von der Guten Stube abgetrennt und in die Hintere Stube verlegt.

Der Zweite Stock war schon zu Zeiten van Hamels durch vier Zwischenräume getrennt: Ein Musikzimmer, eine Spielekammer, eine Schreibstube und ein benachbarter Wirtschaftsraum, der auch als Schlafraum für die Kinder genutzt wurde.

Ganz oben gab es noch einen offenen Dachgarten, das sogenannte Belvederchen. Diese hohen Gärten waren in der Altstadt sehr beliebt, da sie neben der Aussicht - wie bei der Goldenen Wage - nicht nur auf den Dom boten, sondern auch vor allem frische Luft, die in den verschmutzten Gassen der Altstadt eine Seltenheit war.

Die Räumlichkeiten in der Goldenen Waage sind im Rahmen von öffentlichen Führungen oder privat gebuchten Gruppenführungen zu besichtigen. Öffentliche Führungen sind täglich - außer montags - um 16 Uhr und starten im Foyer des Historischen Museums im Saalhof. Anmeldungen beim Besucherservice (von 10-16 Uhr) unter (069) 21235154 oder unter: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.