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Kunst & KulturBühne › Verirrung und Tod auf dem Misthaufen

Verirrung und Tod auf dem Misthaufen

Staatstheater Darmstadt realisiert Gustave Flauberts Provinztragödie „Madame Bovary"           von Britta Steiner-Rinneberg

20.10.14 || altDARMSTADT (19. Oktober 2014) - Nach Monteverdis Oper „Odyssee" (mit Prolog von Luigi Nono), nach Shakespeares „Kaufmann von Venedig" und Verdis von Darmstadts neuem Generalmusikdirektor Will Humburg dirigierter Oper „Macbeth" steht in der ersten Amtszeit Intendant Carsten Wiegands nun „Madame Bovary" auf der Bühne des Staatstheaters:

Gustave Flauberts Jahrhundertroman, ein Sittengemälde aus vergangenen Tagen, das seines „sittenwidrigen" Inhalts wegen nach seinem Erscheinen 1851 zunächst verboten würde und heute überhaupt keinen Menschen mehr interessiert, lässt das Publikum nach vierstündiger Dauer nur noch fragen: Muss das sein? Bilder -und wortreich, sprachlich jedoch kaum befriedigend, präsentiert Regisseur Moritz Schönecker diese Odyssee einer sexversessenen Exzentrikerin, die sich am Ende selbst richtet und in Darmstadt unter dem schon zuvor gezimmerten Kreuz auf dem hoch getürmten Dunghaufen elend zugrunde geht.

altDie Hauptdarstellerin Emma Bovary/Jeanne Devos in der Darmstädter Inszenieung von "Madame Bovary". Foto: Staatstheater Darmstadt/Joachim Dette

Gezeigt wird die von Schönecker und Katharina Raffalt erstellte Bühnenfassung nicht in dramatisierter Form, sondern als Erzählung, die von den Protagonisten gleichzeitig gespielt wird, Auf der Bühne steht ein die gesamte Breite einnehmender und im Hintergrund von haushohen Videos begrenzter, mehrstufiger riesiger Misthaufen. auf dem sich Aufstieg und tiefer Fall der Emma Bovary vollziehen: Eines Bauernmädchens aus Yonville, das hoch hinaus wollte und weit mehr erstrebte, als das Schicksal ihm verhieß, alle ins Unglück brachte und erbärmlich endet.


Die Schauspieler führen Flauberts ungeschönten, realistischen Blick auf die zwischen Wünschen und Wollen, herrschender Moral, scheinbarer Bibelfestigkeit und animalischem Begehren angesiedelte Kleinstadtgeschichte aus der Normandie mit großem Aktionismus und in fast ständiger Bewegung vor Augen und Ohren Doch bei dem temporeichen hin und her auf der Bühne, in dem die Protagonisten meist in mehreren Rollen zu sehen sind, macht es oft alle Mühe, sie richtig einordnen und ihre Handlungen gedanklich nachzuvollziehen. Die Riesenvideos leisten dabei zuweilen brauchbare Hllfe,

Was noch bis zur Pause als turbulentes, farbenreiches, dörfliches Liebes-Techtelmechtel auf dem Düngerhaufen noch amüsiert, fällt nach dem unausbleiblichen Niedergang des Hauses Bovary, nach Pfändung und totaler Verarmung, unglaublich ab: Verblasst, verwässert und treibt langatmig dem Finale zu, das niemand aufhält. Um 11.30 mitternachts ist der Spuk dann vorbei. Emma ist tot .Der schamlos betrogene Doktor Bovary, dem Christian Klischat das farblose Profil eines erfolglosen, bedauernswerten Landarztes gibt, entdeckt ihre Liebesbriefe und wälzt sich verzweifelt am Boden, bis auch er stirbt, Die Liebhaber sind auf und davon, die Dörfler haben das Stroh eilends erlassen, der Rollstuhlfahrer (Samuel Koch) dreht keine Kurven mehr und die Videos verschwinden. Zurück bleibt der zerwühlte Misthaufen. Das Provinzdrama von Yonville ist zu Ende erzählt...

Eine Aufführung ohne wirklich herausregende Leistungen, in der manche Spieler einfach nur den Text aufsagen. Mit Jeanne Devos steht eine mit ihrem Leben unzufriedene. von Kostümbildnerin Veronika Bleifert heraus geputzte, ebenso dumme wie zügellose und elend verendende Emma auf der Bühne, mit Heiko Raulin ein spielstarker Liebhaber Rodolphe und mit Mathias Znidarec ein überaus redegewandter, flexibler Apotheker Homais. Julius Bornmann gibt den windigen Tuchhändler L´heureux Statur und Profil, Simon Harlan den Kanzleischreiber Leon.

Für die mit großem technischem Aufwand erstellte Szenerie zeichnet Benjamin Schönecker verantwortlich, für die Musik Joachim Schönecker. Alle drei Brüder kommen, wie auch Darmstadts neuer Schauspieldirektor Jonas Zipf, vom Theater Jena.

Das enttäuschte Publikum dankte den vielen neuen und erkennbar um Wirkung bemühten Schauspielern nach der nicht ausverkauften zweiten „Bovary"-Aufführung mit freundlichem Beifall.

Nächste Aufführungen am 21., 26. und 29. Oktober, 07., 14. und 22. November Telefon 0 61 51 - 28 11 600