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Kunst & KulturBühne › Erschütterndes Psychogramm eines Getriebenen

Erschütterndes Psychogramm eines Getriebenen

Staatstheater Mainz bringt Georg Büchners Fragment „Lenz" auf die Bühne           von Britta Steiner-Rinneberg

02.11.14 || altMAINZ (02. November 2014) - „Er starb elend, von wenigen betrauert. von keinem vermisst". So der kurze Nachruf im Intelligenzblatt der Augsburger Literaturzeitung vom 4.Juni 1792 auf den in Riga geborenen Dichter Jakob Michael Lenz, der eines Tages tot auf einer Moskauer Strasse tot aufgefunden wurde.

Georg Büchner, der vielleicht radikalste unter den „Stürmern und Drängern" und zumindest zeitweilige Goethefreund, schuf mit „Lenz", seinem bis heute viel zu wenig bekannten, einzigen erzählerischen Opus, das leider unvollendet blieb, ein Werk, das immer wieder erschüttert. Eine Klage und Anklage, die auch dem Komposition Wolfgang Rihm für seine 1978 in München uraufgeführte gleichnamige Kammeroper als Vorlage diente.

Die Mainzer Interpretation des Fragments "Lenz" von Georg Büchner. Das Szenenbild zeigt Lenz/Clemens Dönicke und im Hintergrund Büchner/Daniel Friedl auf der Plattform. Foto: Staatstheater Mainz/Andreas J. Etter

„Lenz" ist das Psychogramm eines Getriebenen und Außenseiters, eines von Wahnvorstellungen, Schuldgefühlen und Liebeskummer gemarterter, von Selbstvorwürfen und theologischem Eifer geplagter, vergeblich nach Hilfe und Anerkennung dürstender jungen Mensch, der einsam und unglücklich irgendwann einfach zugrunde ging. Eines Unglücklichen, dem auf Erden wohl nicht mehr zu helfen war.

„Lenz" steht in K.D. Schmidts Einstudierung und Bühnenbild jetzt im Staatstheater Mainz auf der Bühne. Das Große Haus, in dem die Zuschauer vom ersten Rang aus das Bühnengeschehen mit verfolgen, das sich auf der Plattform eines in den leeren Raum gestellten hohen Stahlgerüsts abspielt, macht die weit entfernte, kalte Welt deutlich, die ihm jeden Zugang verweigert. Seine Wahnsinnswelt hält ihn eisern gefangen und lässt ihn, trotz mehrfacher Ausbruchsversuche, immer wieder zurück kehren. Von allen, auch von Gott verlassen, Kein Ausweg, nirgends.

Auf der Plattform stehen sich zwei Männer gegenüber, die nicht von einander lassen können. Der 22jährige Georg Büchner, der sich selbst im politischem Asyl befindet und in Strassburg von Freunden auf den Lenz-Stoff aufmerksam gemacht wird, der ihn nicht mehr los lässt, und der unglückliche Poet, der vergeblich nach Orientierung und einem Weg sucht und im Pfarrhaus von Pfarrer Oberlin auf Hilfe und inneren Frieden hofft. Vergeblich. Der wochenlange, schwierige Umgang mit dem von Wahnvorstellungen Verfolgten lässt auch den bemühten Seelsorger an der heilsamen Kraft seiner Nächstenliebe am Ende verzweifeln.

Büchners Novelle basiert auf gründlichem Studium nachgelassener Briefe von Lenz, vor allem aber auf den sorgfältigen Tagebuch-Aufzeichnungen Pfarrer Oberlins, der Lenz einige Wochen in seinem Haus aufnahm. Der junge Medizinstudent und Autor Büchner, der sich dem von „Stimmen" gepeinigten jungen Poeten zeitweise irgendwie verwandt fühlt, denkt sich glaubhaft in die gespaltene Persönlichkeit dieses Außenseiters hinein: In sein Sich aufbäumen und maßloses Revoltieren, sein erfolgloses Suchen und Tasten auf finsterem Untergrund, seine ungezügelten Reden und harten Attacken, denen er ebenso handfest antwortet, sein hilfloses Pendeln im gefängnisartigen, kalten, leeren Raum. aus dem es kein Entrinnen gibt. In den ganzen unaufhaltsamen Zerfallsprozess!

K.H. Schmidt, der neue Hausregisseur des Mainzer Staatstheaters, hat mit der Besetzung der beiden Rollen einen sicheren Griff getan, Clemens Dänicke verleiht dem von unheimlichen Stimmen verfolgten und drangsalierten, psychisch am Boden liegenden, jungen Lenz glaubhaft die Züge eines Zerrütteten und Strauchelnden. der die Orientierung und Herrschaft über seine Sinne längst verlor. Daniel Friedl gibt Georg Büchner das überzeugende Profil des nachforschenden Dichters, der sich ebenso als mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg haltender, zurechtweisender und tadelnder Kritiker erweist.

Ein großartiges Duo! Sein vorbildlicher sprachlicher wie auch körperlicher Einsatz für Büchners nachgelassenes Werk mit der vielleicht wichtigsten Episode aus Lenz bedauernswertem Leben `wurde vom Premierenpublikum zurecht mit sehr starkem. langem Applaus gefeiert.

Die nächste Aufführungen sind am 07., 11., 13.und 14.Nov. - Kartentelefon 0 61 31 - 28 51 222.