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Kunst & KulturBühne › Gangster und Ausbeutung im Angesicht des Elends

Gangster und Ausbeutung im Angesicht des Elends

Intendant Holger Schultze bringt Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe" heraus           von Britta Steiner-Rinneberg

16.01.15 || altHEIDELBERG (15. Januar 2015) - Bertold Brechts 1959 durch Gustav Gründgens am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführtes antikapitalistisches Stück „ Die Heilige Johanna der Schlachthöfe" steht in Intendant Holger Schultzes Neuinszenierung im Marquerresaal des Heidelberger Theaters zu Musik von Willi Haselbek auf der Bühne. Dem früher viel gespielten Werk liegt Schillers berühmte Romantische Tragödie zugrunde.

Brechts zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in Chicago spielendes Stück handelt vom Geschick Johanna Darks, einer jungen Idealistin und Soldatin der Heilsarmee, die den Versuch und Balanceakt unternimmt, zwischen dem ebenso mächtigen wie gewissenlosen Fleischfabrikanten und Ausbeuter Pierpoint Mauler und den unter unsäglichen Bedingungen im Großstadtelend menschenunwürdig hausenden Arbeitern zu vermitteln. Dass sie in ihrem ehrlichen Bemühen, den im Dunkel Lebenden, vor deren katastrophaler Lage jeder die Augen verschließt, zu helfen und unwissend eher ihren Ausbeutern in die Hände spielt, kann Johanna nicht ahnen und bezahlt teuer.

altSzene aus der Inszenierung mit Hans Fleischmann/Pierpont Mauler, Steffen Gangloff/Slift und Nanette Waldmann/Johanna

Mauler ist der große Boss, der über die Börse gebietet, keinen Widerspruch duldet, rigoros für Liefersperren, Massenentlassungen und schamlose Ausnutzung sorgt und die ihm intellektuell kaum gewachsenen anderen Fleischlieferanten vollkommen beherrscht. Johanna Dark, seine mit dem Hungerdasein der Armen wohl vertraute, sich selbstlos für Gerechtigkeit und Ausgleich einsetzende Soldatin Gottes und entschlossene Gegenspielerin, sucht mit ihren schwachen Kräften, dem maßlosen Elend zu steuern und bei den Reichen und Satten die Reste einstiger Menschlichkeit und Nächstenliebe zu mobilisieren. Die Fronten, auf die sie stößt, sind steinhart; aber ihr Idealismus wird ausgenützt.

Unter Aufbietung aller Kräfte gelingt es Johanna nach hartem Rededuell mit dem Börsenboss schließlich, einen von der fanatisierten, arbeitslosen Masse geplanten, gewaltsamen Streik im letzten Augenblick zu verhindern! Mauler, der ihren Altruismus geschickt vermarktet, gerät bald selbst zwischen die Mahlsteine der Mühle. Am Ende wird er selbst Opfer seiner gewissenlosen Spekulationssucht. Von allen allein gelassen, schaut er sich bei den Soldatinnen, die auf ihn, den großen Mäzen, ihre einzige Hoffnung für die Ausgebeuteten setzten, vergeblich nach Hilfe um.

Einsam ist auch Johanna: Mit ihrer verzweifelten Wut auf das menschenverachtende System, ihrer Sehnsucht nach einem anderen, besseren Dasein für alle und ihrer großen Naivität, ein solches schaffen zu können, wenn alle nur recht mitmachten. Voller Bitterkeit muss die schwer Erkrankte erkennen, dass sie in einer Welt voller Niedrigkeit und Gemeinheit, voller List und Betrug, Unmögliches erhofft hatte: Ihr Glaube ist dahin; sie stirbt. Als Oppositionelle gescheitert, wird sie von ihren Widersachern und Feinden zynischerweise als Beispiel gebende Widerstandskämpferin gefeiert.

altNanette Waldmann/Johanna und Chtiostna Rubruck/Frau Luckermiddle. Fotos (2): Theater Heidelberg/Annemone Taake

Sachlich- nüchtern und von Gedankenschärfe getragen, geht Schultzes Inszenierung in Gruppengesprächen wie in Dialogen vehement über die von Martin Fischer gestaltete Bühne mit dem ständigen Wechsel der sich zwischen Versenkung und Schnürboden drehenden oder verschiebenden Elemente. Immer neue Ein- und Ausblicke in das riesige, frostige Schlachthofgelände und die nur angedeuteten Arbeitsplätze seines Bewohnens, die sich darin zu verlieren scheinen! Für nachhaltige Eindrücke sorgen in den Augen der Betrachter die von Schultze hin und wieder zu Tableaus arrangierten, bedeutsamen Szenen momentaner Erstarrung.

Den Brecht-gerecht artikulierenden Schauspielern gebührt insgesamt großes Lob. Allen voran dem auch darstellerisch großartigen Hans Fleischmann, der vielen Besuchern noch aus seiner Zeit am Nationaltheater Mannheim her bekannt und seit der vorigen Spielzeit am Heidelberger Theater engagiert ist: Ein skrupelloser Fleischfabrikant Mauler, der in seiner Machtgier und Hybris alle anderen dominiert, sie weitgehend mundtot macht und sich letztlich selbst in den Ruin treibt. - Nanette Waidmann, die vom Volkstheater Wien herkommt, erweist sich in der TItelpartie der Johanna Dark als mitfühlende und zu selbstloser Hilfe bereite Angehörige der Heilsarmee: Eine Soldatin Gottes, die besten Willens ist, aber zunehmend unsicherer und skeptischer wird, in ihrer Harmlosigkeit und Unkenntnis dem Machtpoker des rücksichtslos über Leichen gehenden Kapitalisten nicht gewachsen ist und auf der Strecke bleibt.

Als „ gehorsame Diener", die den knallharten Überlegungen und Anweisungen des einzig nach Gewinn und Macht trachtenden Bosses Mauler widerspruchslos folgen, stehen in Schultzes sehenswerter Einstudierung weitere erfolgreiche Mitglieder des Heidelberger Ensembles auf der Bühne. Sie trugen auch in der zweiten Aufführung zum bravourösen Gelingen des Abends bei, den das Publikum mit starkem Applaus feierte: Stefan Reck (Cridle), Olaf Weißenberg (Graham), Hendrik Richter (Meyers), Marco Albrecht (Lennox) und Steffen Gangloff als Makler.

Weitere Aufführungen am 1., 2. 5., 14. und 21,.Februar. Karten über Telefon 0 62 21 - 58 20 000