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Kunst & KulturBühne › Grundrezept: Holunderbeersaft und ein Spritzerchen Arsen

Grundrezept: Holunderbeersaft und ein Spritzerchen Arsen

Staatstheater Mainz vergnügt das Publikum mit Kesselrings „Arsen und Spitzenhäubchen" von Britta Steiner-Rinneberg

28.01.15 || altMAINZ (27. Januar 2015) - Sie sind nicht mehr die Jüngsten, aber noch flott zu Fuß und der ganzen Nachbarschaft inklusive Kirche und Polizei als überaus liebenswerte, freundliche und gütige Damen bekannt, die sich aus christlicher Nächstenliebe uneigennützig um alleinstehende ältere Herren ohne familiären Anhang kümmern, um sie sanft in ein besseres Leben zu geleiten. Das Wundermittel für ihre Spezialbehandlung haben sie stets im Haus: Wer von den Auserwählten einmal von dem mit einem Spritzerchen Arsen parfümierten Holunderbeerwein kostete und danach blendend schlief, stand gewiss nie mehr auf!

Abby und Martha Brewster sind arglose, herzensgute, fürsorgliche Menschen, die unter zuverlässiger Assistenz ihres einfältigen Neffen Teddy in puncto „Nachhilfe" ihr Bestes tun, sind der festen Überzeugung, mit ihrer Aktion jederzeit vor dem Himmel bestehen können und sind deshalb stolz darauf. Bis sich eines Tages unverhofft alles ändert und Bruder Teddy, der sich bald als Zar, als Napoleon oder Kaiser Wilhelm kostümiert, zum letzten Mal von der Treppe herab ins Horn stößt, um anschließend seinen Pflichten im Keller nachzukommen, in dem er gerade mit dem Bau des Suezkanals befasst ist.

altDie "barmherzigen Schwestern" Abby /Monika Dortschy und Martha/Andrea Quierbach und ihr steckbrieflich gesuchter Neffe Jonathan/Lorenz Klee. Foto: Staatstheater Mainz/ Andreas Etter

„Arsen und Spitzenhäubchen", Joseph Kesselrings 1941 am Broadway uraufgeführte und später mit Garry Grant und Peter Lorre verfilmte Horror-Komödie, läuft in Jonny Jakubaschks Einstudierung und Mathias Kochs adäquaten Bühnen-und Kostümbildern trotz ihres makabren Inhalts überaus erfolgreich im Mainzer Staatstheater. Männern ohne Anhang sei freilich geraten, sich den Kauf einer Karte zuvor gründlich zu überlegen, wenn sie die Absicht haben, am anderen Morgen fröhlich wieder aufzuwachen!

Als den Erb-Tanten eines Tages ein zweiter Neffe, der Turn-und Trapezkünstler Mortimer, samt Freundin ins Haus schneit und mit Entsetzen erkennt, was die Arglosen hier so erfolgreich betreiben, nehmen die Dinge einen anderen Lauf. Der einzige ( noch) Normale in der Familie Brewster hat für „Barmherzigkeiten" solcher Art wenig Sinn und weiß sie trotz seines Einfallsreichtums und bewundernswerten Geschwindigkeit nur mit größter Mühe vor der ungeduldig zum Aufbruch drängenden Braut zu verbergen. Wie ein Klettermaxe rast er pfeilgeschwind treppauf und treppab. um zu verbergen, was nicht ans Tageslicht darf und ist mehrfach dem totalen Zusammenbruch nahe.

Die „Täter"- Komplott zu vervollständigen, stürmt zum Schluss noch ein dritter Neffe unverhofft ins gastliche Haus und macht das Maß des Erträglichen voll: Jonathan Brewster, ein hochgefährlicher, weltweit steckbrieflich gesuchter Schwerverbrecher und Mörder, der auf der Flucht vor seinen Häschern ist, quartiert sich ohne Zögern und mit Ellenbogengewalt mitsamt seinem Kumpan Dr. Einstein bei den konsternierten Tantchen ein, die nun rein gar nichts mehr verstehen. Dass der nach allerlei Gesichtsoperationen stark Veränderte und wenig Rücksichtsvolle von jener gefürchteten Sorte ist, die auch nahe Angehörige nicht verschont, wenn`s um den eigenen Kopf und Kragen geht, macht Jonathan jede Sekunde unmissverständlich deutlich. Mehr wollen wir nicht verraten. Wer unbedingt wissen will, wie diese vonTempo, Witz und Slapstickeinfällen nur so strotzende Geschichte schließlich ausgeht, an deren Ende eigentlich nur noch das Irrenhaus stehen kann, sollte sich die nächsten Aufführungen nicht entgehen lassen.

Die barmherzigen Schwestern Martha und Abby sind bei Monika Dortschy und Andrea Quirbach nämlich in allerbesten Händen, ebenso ihr „ königlicher" Neffe und Bestatter Freddy bei Armin Dillenberger und der mörderische Schwerverbrecher und Mörder Jonathan bei Lorenz Klee. Den Vogel unter den Verrückten schießt freilich Rüdiger Hauffe als Mortimer ab, der die schwarze Komödie bis zum Ende rasant in Schwung und das lautstark applaudierende Publikum bei bester Laune hält.

Weitere Vorstellungen am 30. Januar, am 1., 6, und 11. Februar - Karten über Telefon 0 61 31 - 28 51 222