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Kunst & KulturBühne › „Ich habe keinen Vater mehr!“

„Ich habe keinen Vater mehr!“

Eine starke Inszenierung: Schillers Erstlingsdrama „Die Räuber" im Badischen Staatstheater           von Britta Steiner-Rinneberg

03.02.15 || altKARLSRUHE (02. Februar 2015) - Als in der Interpretation eigenwillige, starke Inszenierung präsentiert das Badische Staatstheater im Schauspielhaus Schillers 1782 in Mannheim uraufgeführtes Erstlingswerk „Die Räuber". Die aus Teheran stammende und mit dem Faust-Preis ausgezeichnete iranische Regisseurin Mina Salehpour reduziert Schillers fünfstündigen „dramatischen Roman" auf pausenlose zwei Stunden, die dennoch wie im Flug vergehen. Sie verzichtet auf Grausamkeiten, Vergewaltigungen und Brandstiftungen der gegen die herrschende Gesellschaft revoltierenden Leipziger Studenten, lässt deren unverhohlenem Hass auf das ganze „tintenklecksende Jahrhundert" jedoch freien Lauf.

altFranz Moor/ Maximilian Grünewald

Im Zentrum stehen die ungleichen Brüder Karl und Franz von Moor: Das unstillbare Verlangen des Zweitgeborenen nach Herrensitz und Allmacht, die er durch abgefeimtes Intrigieren und einen von ihm entworfenen Brief des Vaters an den rechtmäßigen Nachfolger sich ergaunern will, löst den Untergang der alten Adelsfamilie aus. Karl, der aus Überdruss und Freiheitsdrang in der Fremde lebende legitime Erbe, liest mit Bestürzung von seiner Enterbung, die ihm unfassbar scheint, verliert damit die letzte Bindung an den Vater und driftet aus blinder Wut und grenzenlosem Rachegelüst in die Anarchie ab. Mit dem gellenden Aufschrei „Ich habe keinen Vater mehr!" gründet der Verzweifelte mit Gleichgesinnten eine Räuberbande, die ihn zu ihrem Hauptmann erwählt und zieht mit diesen Weggenossen aus schierer Lust am Zerstören mordend und brennend durchs Land. Bis das Maß voll ist.

Doch dieser Vater Maximilian von Moor, die zentrale Gestalt des Stückes, tritt in Mina Salehpours Einstudierung nie persönlich auf, ist weder sicht- noch greifbar. Er wird nur durch seine Maske ins Spiel gebracht, ist als Gesprächspartner gleichwohl stets „anwesend". Doch die verfeindeten Söhne, der aus der Bahn geworfene, gegen eine konventionalisierte Gesellschaft protestierende Rebell Karl und der aus Missgunst weder vor Vater- noch Brudermord zurückschreckende gewissenlose Franz, dem der alte Moor nicht schnell genug sterben kann, kennen zwar längst keine innere Beziehung mehr zu ihm, haben aber gemeinsame Erinnerungen an vergangene Jahre, die sie nicht loslassen und gegen ihren Willen verfolgen.

Während seine Spießgesellen in Stadt und Land wüten und sich ihrer Schandtaten lautstark rühmen, wandern Karls Gedanken immer wieder zum Schloss seiner Väter, das er inkognito heimlich aufsucht und dabei gewahr wird, das Franz, der neue Herr, von seinem Recht Gebrauch macht und Amalia schändlich bedrängt. Es ist der Anfang vom Ende eines mörderischen Wegs und versuchter Beginn einer geplanten Rückkehr ins alte Leben, die freilich niemals stattfinden wird.

Franz, der diese Heimkehr zu recht fürchtet und alles dran setzt, sie zu verhindern, sucht das letzte Hindernis auf dem Weg zu uneingeschränkter Alleinherrschaft zu beseitigen. Doch als der zum Mörder auserkorene Bastard Hermann sich dem Auftrag, Karl zu beseitigen, mit aller Kraft widersetzt, weiß er keinen Rat mehr. Allein gelassen auf weiter Flur, ahnt er grausame Vergeltung. sucht mit einem gestammelten Gebetsfetzen aus Kindertagen den stets verleugneten Gott um Vergebung zu bitten, stülpt sich symbolisch des Vaters Maske wie ein Leichentuch aufs Gesicht und stirbt ohne Gnade und Vergebung.

Schweizer/Jonathan Bruckmeier und Karl Moor/Luis Quintana. Fotos (2): Badisches Staatstheater Karlsruhe/Jochen Klenk

Spiegelberg und Schufterle, die sich gegen ihren Hauptmann verschwören haben und längst Pläne schmieden, ihn los zu werden, werden von Schweizer überrascht, der kurzen Prozess macht und beide tötet. Karl, der von seinem schlechten Gewissen Tag und Nacht verfolgt wird, gesteht der ahnungslosen Amalia sein von grauenhaften Taten erfülltes Leben. Für einen kurzen Augenblick sieht es nach Umkehr, Versöhnung, Vergebung und einer Schicksalswende aus. Doch da ertönt Schweizers drohende Stimme, die Karl unmissverständlich an seinen gegebenen Treueschwur als Hauptmann der Bande gemahnt und die er gerade zu brechen bereit ist. Karls Verabschiedung fällt kurz aus, er stürmt davon. Und Amalia weiß, dass es diesmal eine Trennung auf ewig sein wird.

Mina Salehpour erzählt die Geschichte zweier Söhne auf vergeblicher Suche nach ihrem abhanden gekommenen Vater, der während der ganzen Zeit unsichtbar im Raum zu schweben scheint. Sie tut es nicht ohne Grund: Mit einem Vater als fehlender Bezugsperson haben gerade heute viele heranwachsende Söhne zu leben und zu leiden, weil ihnen die Identitätsfigur fehlt und das Manko ihre weitere Entwicklung oft nachhaltig beeinflusst. Die Regisseurin fand für ihre moderne Interpretation von Schillers „Räubern" im Staatstheater geeignete junge Darsteller, für die Maria Anderski die passenden entwarf:

Luis Quintana, der auch im „Glasperlenspiel" und in „Dantons Tod" zu erleben ist, gibt dem Revoluzzer Karl sprachlich wie schauspielerisch glänzendes Profil; Maximilian Grünewald, der vom Maxim-Gorki-Theater herkommt, schillert als ebenso anmaßend-dreister wie im Grunde unsicherer und feiger Franz. Beide Schauspieler sind seit dieser Spielzeit am Staatstheater fest engagiert, ebenso Florentine Krafft, die in der Partie der verlassen zurück bleibenden Amalia gefällt. Als Räuber überzeugen Ralf Wegner (Spiegelberg), Michel Brandt (Schufterle), Johannes Schumacher (Roller) und Jonathan Bruckmeier als Schweizer.


Nächste Vorstellungen am 6.,13.,24. und 2. Februar - Kartentelefon 07 21 - 93 33 33