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Kunst & KulturBühne › Antriebslosigkeit und gähnende Leere

Antriebslosigkeit und gähnende Leere

Ingo Kerkhof inszeniert im Wiesbadener Staatstheater Tschechows „Onkel Wanja"           von Britta Steiner-Rinneberg

12.02.15 || altWIESBADEN (11. Februar 2015) - Anton Tschechows „Onkel Wanja", diese 1899 im Künstlertheater Moskau erstaufgeführten „ Szenen aus dem ländlichen Leben", stehen nach sehr langer Zeit wieder einmal im Staatstheater auf der Bühne und wurden nach der Premiere mit starkem Beifall des Publikums bedankt. Regie führt Ingo Kerkhof, der die bedrohliche Enge der lähmenden Atmosphäre und die sich langweilenden Menschen, deren winzige Versuche, das freudlose Dasein mit viel Tee und noch mehr Wodka hinunter zu spülen, ebenso unspektakulär wie beklemmend vor Augen und Ohren führt. Nach´wiederholtem Scheitern und letztlichem Resignieren kommen sie zur Erkenntnis, dass jedes Bemühen nutzlos und wohl das Beste scheint, im alten Trott weiterzumachen und eines Tages einfach zu sterben.

Jeder dieser Einzelgänger weiß, dass dieser Weg falsch ist, besitzt aber weder Mut noch Kraft, einen anderen zu versuchen Kerkhof bringt Tschechows reduziertes, aufs Wesentliche beschränktes Familienstück, das der Autor eine Komödie nennt, beklemmend stark und hart auf die Bühne, auf der abgrundtiefer Pessimismus. herrscht, Sinn-, Hilf- und Tatenlosigkeit sich die Waage halten und selbst für die bescheidenste Freude kein Raum ist.

altAuf dem Szenenbild ist das Ensemble, mit Onkel Wanja/Roland Betzinger (im Liegestuh). Foto: Staatstheater Wiesbaden/Andreas Etter

Der Gleichförmigkeit und gähnenden Ödnis des täglichen Allerlei im Gutshof entspricht Dirk Beckers karges Bühnenbild mit einem durchsichtigen Verschlag zum Schlafen, vielen Holzstühlen, einem mit Essensresten, Flaschen und Gläsern vollgepacktem langem Tisch, an dem vor allem Wanja und Astrow ihren Suff ausleben und dabei die Zeit vergehen lassen, die sich auch für die anderen endlos dehnt: Für Wanjas aufgeplusterten Schwager, den pensionierten Professor aus der Stadt, der das Gut hemmunglos ausbeutet und seine zweite Frau Elena, für seinen nichts als Phantasmagorien nachjagenden Freund und Arzt Astrow, seine in vielerlei Hinsicht zu kurz gekommene Nichte Sonja, die sich vergeblich um Astrow bemüht, für die ihren eitlen Schmarotzer-Schwiegersohn vergötternde Mutter, für den Kostgänger und ehemaligen Gutsbesitzer Telegin und die alte Kinderfrau Marina: Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen, die beide nie abgelegt haben, in denen sie noch immer zu Hause sind.

In diesem trostlosen Ambiente, einer bescheidenen kleinen Welt als gemeinsamem Gehäuse, riskieren sowohl der fast fünfzigjährige Wanja wie sein jüngerer Freund Astrow ein Auge auf des Professors junge Frau, finden aber keinerlei Widerhall. Jeder lebt für sich allein, vergeudet seine Erdentage mit Nichtstun und langen Reden, denen niemand ernsthaft zuhört. „Wach" werden diese „Einsiedler" erst bei der vom Professor einberufenen Familienversammlung, auf der er seine Wünsche unterbreitet, und unverblümt allen klarmacht, wie es (für ihn) weiter zu gehen hat und zornig wird, als er auf harten Widerstand stösst. Es kommt zu einem längst fälligen Eklat, in dem Wanja seinen über zwanzig Jahre angestauten Frust endlich herausschreit und seiner tiefen Verzweiflung über das sinnlos vertane Leben und die unzumutbaren Forderungen mit zwei verfehlten Schüssen Luft macht. Als der konsternierte Schwager daraufhin seine augenblickliche Abreise ankündigt, atmen alle tief auf: „Sie sind fort!"

Und was nun? Jetzt erweist sich die unscheinbare, kaum beachtete und ungeliebte Sonja, die als einzige der neuen Situation gewachsen ist, bereit, durch emsige Arbeit wie früher den fest gefahrenen Karren wieder flott zu machen. Ihr Wille und ihre Initiative spornen auch den trägen Onkel an, wieder zuzupacken. Beide graben die alten Geschäftsbücher hervor und nehmen, als wäre nichts geschehen, ihre gewohnten Arbeitsplätze erneut ein, um das ereignislose Leben im irdischen Jammertal weiter zu führen, bis es von selbst ein Ende hat. Nichts wird sich ändern!

In den beiden Hauptrollen brillieren Roland Betzinger als ebenso gutgläubiger und antriebsloser wie willenschwacher Wanja, Janina Schauer als zwischen Hoffen, Wünschen, Wollen und Verzichten hin und hergerissene und in ihrem ärmlichen Fummel fast Mitleid erregende Sonja und Uwe Kraus als maßloser Egoist (und glänzender Sprecher!), der ein üppiges, sorgenfreies Leben auf Kosten der für ihn schuftenden Verwandtschaft für das Selbstverständlichste hält...

Weitere Auff.ührungen am 12,.18.,22. und 25.Februar-Karten über Telefon 0611 - 13 23 25