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Kunst & KulturBühne › Erkauftes Glück, das wie Glas zerbricht

Erkauftes Glück, das wie Glas zerbricht

Hauptmanns Psychodrama "Die Ratten" als Horrorszenario im Mainzer Staatstheater           von Britta Steiner-Rinneberg

15.03.15 || altMAINZ (14. März 2015) - Das bekümmert am Bühnenrand hockende kleine Kerlchen im roten Wams, das mit großen Augen die Welt drum herum betrachtet und sie auf ungelenken Beinchen zu erkunden sucht, ist Adalbertchen: Henriette Johns verstorbenes Kind, dessen Bild die schwer traumatisierte Mutter Tag und Nacht nicht loslässt. Doch die glücklichen Gedanken an die ersten Schritte, das freudestrahlende Lachen des Kleinen, als ihm beim gemeinsamen Spiel mit dem großen Ball der Anstoß endlich gelang, diese unwiederbringlichen Erinnerungen an eine viel zu schnell vergangene, kostbare Zeit weichen ebenso plötzlich harter Realität, die für die Mutter zum Horrorszenario wird.

Auf der Bühne des Mainzer Staatstheaters steht Manfred Hauptmanns Tragikomödie "Die Ratten", in der er erbarmungslos die dunklen Seiten der wilhelminischen Zeit wiederspiegelt. Spielort ist eine herunter gekommene Mietskaserne mit ihrem bunten Allerlei von Bewohnern unterschiedlicher sozialer Stände, mit deren Lebens - und Verhaltensweisen der Dichter den mit viel Symbolik garnierten Naturalismus Triumphe feiern lässt. Das nach anfänglicher Ablehnung der 1917 erfolgten Berliner Uraufführung später zu den beliebtesten und meist gespielten Dramen Hauptmanns zählende Stück ist in enger Zusammenarbeit von Regisseur Jan Christoph Gockel und dem Puppenspieler Michael Pietsch im Schauspielhaus zu erleben, wo es für einen höchst lebendigen, spannungsreichen Abend sorgt, der seit der umjubelten Premiere von Anfang bis Ende bannt.

Frau John/Anika Baumann und das "Adalbertchen" (Puppe)

Das Publikum bedachte den einfallsreichen Inszenator, die gelungenen Bühnenbilder Jutta Kurzwegs und Sophie du Vinages schöne Kostüme, vor allem aber die Leistungen der hervorragenden Protagonisten mit begeistertem langem Schlussapplaus. Hauptmanns mit großem Einfühlungsvermögen auf die Bretter gebrachtes sozialkritisches Drama dürfte mit Sicherheit in die Erfolgsgeschichte des seit dieser Spielzeit unter neuer Leitung stehenden Mainzer Hauses eingehen.

Im Zentrum steht die Odyssee einer bedauernswerten Frau, die sich im tristen Kleineleutemilieu einer Hausgemeinschaft abspielt, in der alle einander kennen, beäugen und belauschen, aber auch hilfsbereit einspringen, wenn`s nötig ist. Die von Albträümen verfolgte Jette John, die sich nach Adalbertches Tod sehnlichst wieder ein Kind wünscht, wird zur Verbrecherin. ohne sich dessen bewusst zu sein: Schwatzt mit großer Beredsamkeit dem schwanger gewordenen. mittellosen polnischen Dienstmädchen Pauline Piperkarcka das noch Ungeborene gegen Geld ab und gibt es nach dessen Geburt als ihr eigenes aus, mit dem sie freilich alle überrascht.

Lügen haben kurze Beine


Doch der gewiefte Hausmeister Quaquaro, der seine Augen und Ohren überall hat, wittert Lichtscheues, das er vor Jettes ahnungslosem Mann nicht geheim hält. Bald wird im Haus gerätselt und getuschelt, aber die mit Adalbertchen II überglückliche Jette John, die es nicht wahrnehmen will, redet sich ein, dass schon alles gut gehen wird und der Betrug nicht heraus kommt. Doch als die Piperkarcka sich nach ihrer Genesung eines anderen besinnt und das verkaufte Kind energisch zurückfordert, kommt es zum tödlich endenden, erbitterten Kampf beider Frauen um das Neugeborene, in dem die echte Mutter auf der Strecke bleibt. In Gockels Interpretation bringt nicht Jettes von Puppenspieler Pietsch selbst gespielter, zwielichtiger Bruder Bruno die Piperkarcka um, sondern die wahnsinnig gewordene Jette selbst wird zu ihrer Mörderin. Als die Bluttat und der schändliche Betrug herauskommen und sie weit und breit keinen Ausweg aus dem Dilemma mehr sieht, in dem sie sich restlos verfangen hat, beschließt sie, ihrem Leben lieber selbst ein Ende zu machen. Sie hängt sich in die vom Schnürboden herabfallenden Seile, um mit dem herbei trippelnden Adalbertchen´an ihrer Seite wenigstens im Tod für immer vereint zu bleiben.

altDas Ensemble mit den "Puppenkindern" v.l.n.r.: Murat Yeginer, Mathias Lamp, Michael Pietsch, Johannes Schmidt, Anna Steffens, Andrea Quirbach, David Schellenberg und Ulrike Beerbaum. Fotos (2): Staatstheater Mainz/ Bettina Müller

Eine stark verinnerlichte schauspielerische Leistung Anika Baumanns, die der um ihr Lebensglück gebrachten und aus schierer Verzweiflung zur Mörderin gewordenen Jette John bewegende, eindrucksstarke Kontur gibt. In weiteren Rollen überzeugen Johannes Schmidt als ihr zwar liebevoller, aber unsensibler und etwas grobschlächtiger Ehemann, der sich nach Entdeckung der Verbrechen ohne Mitleid von ihr entfernt, und Ulricke Beerbaum als zu spät dem Mutterglück nachjagende Pauline.

Ganz hervorragend Murat Yegimer als erfolgloser, aber bramarbasierender Schauspieldirektor Hassenreuter: Ein Schmierenkomödiant par excellence, der mit geschliffener Sprache, sprechender Gestik und routiniertem Spiel, aber auch mit zuverlässiger Bereitschaft zu helfen besticht und seinem renitenten Töchterchen Walburga ( Leonie Schulz), das sich in den talentlosen Erich Spitta vergafft hat, fauststark die Leviten liest. Starker Szenenbeifall für das komödiantisch glänzende Intermezzo! Gut in weiteren Partien Andrea Quirbach als seine überzwerche Frau Therese, Anna Steffens als Sidonie Knobbe inmitten ihrer "Puppen"-Kinderschar und Sebastian Brandes als Hausmeister. Als Meister seines Fachs präsentiert sich Michael Pietsch, der erfahrene Puppenspieler und Schöpfer der zauberhaften kleinen Kreaturen, der die meterlangen dünnen Fäden fest in den Händen hält und Adalbertchen, die von ihm selbst perfekt geführte Marionette, zur hellen Begeisterung des Publikums fast zum Leben erweckt.

Nächste Aufführungen am 22., 26.und 27. März, Kartentelefon O 61 31 - 2851 222