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Erbtantes Vermächtnis

Carl Sternheims Komödie „Die Kassette" - Ein vergnüglicher Abend im Heidelberger Theater           von Britta Steiner-Rinneberg

22.04.15 || altHEIDELBERG (21. April 2015) - Carl Sternheims zum Dramenzyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" zählende Komödie "Die Kassette" ,die 1912 in München uraufgeführt und vom offensichtlich ins Mark getroffenen Publikum mit lautstarkem, wütendem Protest quittiert wurde, der sich gleichermaßen gegen den Autor wie gegen Regie und Ensemble richtete, führte damals zur sofortigen Absetzung. In der hundert Jahre später im Heidelberger Theater heraus gekommenen Inszenierung Milan Peschels können sich die Zuschauer vor Lachen kam halten. Haben ihre helle Freude dran und danken allen auf der Bühne mit starkem Beifall für den turbulent über die Bühne sausenden Riesenklamauk um eine Erbschaft, die keine ist.

Das Szenenbild aus „Der Kassette" zeigt „Erbtante" Elsbeth Treu/Christina Rubruck, Neffe Heinrich Krüll/ Michael Kamp und dessen Frau Fanny/Nanette Waidmann

So ändern sich Zeiten und Sitten. Carl Sternheim wollte die ihm nur zu gut bekannte wilhelminische Gesellschaft erbarmungslos in einen Spiegel blicken und sich dabei selbst erkennen lassen. In der Heidelberger Aufführung ist er sogar persönlich "anwesend", sitzt in Gedanken versunken am Bühnenrand und wird sich wohl gefragt haben, was das Ganze Gerangel um 14o ooo Mark uns heute noch soll? So vieles ist anders geworden in diesen Jahrzehnten. Nur die Sucht nach Geld und Macht ist blieb unverändert gleich, koste es, was es wolle.

Und darum geht es schließlich in der Komödie "Kassette" in der Sternheim einmal nicht die ihm vertraute mondäne Welt karikiert, sondern das Bürgertum satirisch aufs Korn nimmt. An seine weitaus bekannteren, beliebten Stücke "Die Hose", "Der Snob" oder "Bürger Schippel" reicht das erheblich Patina angesetzte Stück freilich nicht heran, doch purer Erheiterung dient es allemal.

Sternheim wollte nur die Wirklichkeit der wilhelminischen Gesellschaft nachzeichnen und ließ seine "Helden" als um Geld und Macht buhlende, phrasendreschende Wichtigmacher. als kostümierte Gerippe und expressionistische Klischees über die Bühne gehen und prangerte deren gekünsteltes Verhalten und Sprache an.

Der von der Hochzeitsreise heimkehrende Oberlehrer Heinrich Krull hat weit weniger seine junge Frau als die reiche alte Erbtante im Sinn und deren wohl verwahrte Kassette mit den in Wertpapieren angelegten 140 000 Mark. Um diese Zahl kreist sein ganzes Sinnen und Denken und lässt ihn Tag und Nacht nicht zur Ruhe kommen. Eheweib und heiratsfähige Tochter Lydia, der um beide herum scharwenzelnde Fotograf Seidenschnur und das kesse Dienstmädchen Emma sind nur noch Randfiguren, die ihm meist im Weg stehen. aber zuweilen doch benötigt werden.

altDas Ehepaar Heinrich und Fanny Krüll /Michael Kamp und Nanette Waidmann. Fotos (2): Theater Heidelberg/Annemone Taake

Ach, das Geld, das viele Geld! Es demnächst zu besitzen, raubt Krull fast den Verstand. Klar, dass die Riesenenttäuschung über die von ihm bewachte, aber leer vorgefundene Kassette vernichtende Wirkung hat: Erbtante Elsbeth, die ihren Neffen nur zu gut kannte, wollte boshafterweise nur noch einmal die Macht ihres Geldes genießen. Sie hatte längst alles in Sicherheit gebracht und der Kirche vermacht, die - siehe Goethe - ihres bekannt guten Magens wegen sich "noch niemals übergessen" und problemlos "ganze Länder aufgefressen hat". Null Erbe also. Was nun? Sternheim sitzt abseits und weiß auch keinen Rat.

Regisseur Milan Peschell, der bei Castorp gut gelernt hat, lässt seine Inszenierung im Alten Saal des Heidelberger Theaters über die von Nícole Timm als amüsante Architekturzeichnung gestaltete Bühne gehen, in deren drei Etagen sich das vom Geld getriebene "Familienleben" abspielt. Das Ensemble strotzt vor Schnelligkeit im Sprechen, Denken und Handeln und ungebremstem Spieltrieb und garantiert dem Zuschauer rasanten Ablauf des einst als skandalös empfundenen und verrissenen Stückes.

Michael Kampf brilliert als ebenso geldgieriger und egomaner und kauziger Hausherr Krull, Nanette Waidmann als seine darüber ins Abseits gestellte junge Frau und Lisa Förster als Tochter aus erster Ehe. Magdalena Neuhaus gibt der nicht auf den Mund gefallenen Emma starke Kontur. Dominik Lindhorst spielt mit rasantem Tempo den sich bravourös auf allen Kampfplätzen tummelnden Fotografen Seidenschnur und Christina Rubruck die boshafte Erbtante Elsbeth, die das Gerangel um das verlockende "Gold", nach dem
alles drängt, genau voraussah und am Ende schadenfroh lächelt

Die nächsten Aufführungen sind am 22. April, 26. und 28.Mai - Karten über Telefon 0 62 21 - 58 20 000