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Kunst & KulturBühne › In der Spirale von Hass und Gewalt

In der Spirale von Hass und Gewalt

Das Mainzer Staatstheater bringt „Verbrennungen" - eine Tragödie unserer Zeit von Wajdi Mouawads auf die Bühne           von Britta Steiner-Rinneberg

04.05.15 || altMAINZ (04. Mai 2015) - „Verbrennungen", Wajdi Mouawads 2003 heraus gekommene Tragödie, steht in Klaus Schumachers Regie im Staatstheater Mainz zur Diskussion. Der franko-canadische Autor lässt sie in der Gegenwart beginnen, führt mittels großer Rückblende tief in die Vergangenheit und lässt das Familiendesaster mit seinen unbewältigten Problemen im Heute enden.

Mouawad erzählt die Odyssee einer Familie, die unter die Haut geht, erschüttert und zwei Stunden das Publikum nicht los lässt. Auf der von Katrin Plötzky gestalteten Bühne eine handvoll psychisch aufs schwerste Geschädigter, die nicht wissen, wie es weitergehen soll. Das Ausmaß ihrer Leiden wird erst nach dem Tod der Mutter Nawal bekannt. Der Notar informiert die erwachsenen Kinder über deren Verfügungen und übergibt ihnen zwei Briefe, deren noch lebende Adressaten sie ausfindig machen sollen. Noch ahnen Jeanne und Simon nicht, wie bald sie den Boden unter den Füßen verlieren werden.

Die Zwillinge Jeanne/Lilith Häßle und Simon/ David Schellenberg

Nawal, die die Kinder über ihre Herkunft völlig im Unklaren ließ, ist seit sechs Jahren verstummt, weil sie sich nicht in der Lage sah, ihnen die Wahrheit zu sagen und Licht in das Dunkel zu bringen. Doch vor ihrem Tod lässt die Kinder wissen, dass sie einen Vater haben und einen älteren Bruder, von denen beide nichts wissen, die sie aber ausfindig machen sollen. Jeanne und Simon erfüllen den letzten Wunsch der Mutter und machen sich auf die Reise.

Mouawad, der als Kind mit der Familie aus dem Libanon fliehen musste, in Canada eine neue Heimat fand und sich als Zwanzigjähriger intensiv mit der Geschichte seiner Familie und seines Landes befasste, sagt über sein Drama, das es " ein Stück über den Versuch sei, in einer unmenschlichen Situation sein Versprechen als Mensch zu halten". "Verbrennungen" ist der zweite Teil seiner großen Tetralogie und führt mitten hinein in die Zeit der tobenden Bürgerkriege in Jemen und im Libanon und deren grauenhafte Folgen. Ein Circulus vitiosus aus Hass, Mord und Vergeltung, aus Missbrauch, Vergewaltigung und Folter.

Die Reise der Geschwister führt in eine Welt, die sie nie hatten erleben wollten: Ins abgeschiedene Dorf, aus dem die Mutter stammte. Sie erfahren vom Aufstand der revoltierenden Massen, Nawals Aktivität als Freiheitskämpferin, der Tötung eines Feindes, der sie vergewaltigte, der Flucht und dem finsteren Gefängnis, in dem sie jahrelang schmachtete. Vor Ort werden sie mit unvorstellbaren Demütigungen konfrontiert, mit Schrecken und Martern aller Art, denen die Gefangenen recht- und hilflos ausgeliefert waren. Bilder, über die ihre Mutter niemals sprach, die sie lebenslang verschwieg.

Die Mutter Nawal /Andrea Quirbach und im Hintergrund Armin Dillenberger in einer seiner sechs Rollen, hier als Arzt. Fotos (2): Staatstheater Mainz/ Bettina Müller

Klaus Schumacher, der Leiter des Jungen Schauspielhauses in Hamburg, inszeniert die Bilder dieser „Rückschau" vor einfachen Vorhängen und Stahlgerüsten ohne jede weitere Ausstattung. Ein "Bauwerk". das irgendwann zusammen brechen muss. Aber wann? Noch gibt es keine Hoffnung, keine! Die jungen Schauspieler, die mutig in die schwierigen Partien der für ihr ganzes Leben Gezeichneten einstiegen und in Mainz für alles andere als einen "schönen Theaterabend" sorgen, bannen und zwingen den Zuhörer zum Nachdenken über das Gesehene und Gehörte. Es erschüttert, weil es ungeschönt aufzeigt, wie es tagtäglich nicht nur im Libanon, sondern fast auf der ganzen Welt, für Entsetzen und Abscheu sorgt.

Andrea Quirbach fesselt als von ihrem Gewissen gepeinigte Nawal, die über dem Unfassbaren und Geschehenen die Sprache verlor und darüber verstarb. Lilith Hässle gibt ihrer Tochter, der jungen Musikstudentin Jeanne, den Ausdruck einer ins Mark getroffenen jungen Frau, deren gellender Aufschrei die totale Ausweglosigkeit eines am Abgrund sehenden Menschen ausdrückt. Ihrem nicht weniger betroffenen Zwillingsbruder Simon gibt David Schellenberg die Züge eines Belogenen und Verzweifelten, der keine Zukunft mehr sieht. Für beide bricht die Welt wie ein Kartenhaus zusammen. Armin Dillenberger, der im "Rückblick" in verschiedenen Partien zu erleben ist, gibt dem zwar wenig einfühlsamen, aber korrekten Notar Hermile Format und Gewicht. Eindrucksstark in kleinern Partien auch Rüdiger Hauffe, Leonie Schulz und Matthias Lamp.

Nach kurzer Zeit der Stille und Betroffenheit starker Beifall der Zuhörer für Schauspieler und Regieteam!

Nächste Aufführungen am 8.,15. und 23. Mai - Karten über Telefon 0 61 31 - 28 51 222