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Kunst & KulturBühne › Niedergang und Zerfall einer Firma und Familie

Niedergang und Zerfall einer Firma und Familie

Laufenberg eröffnet die Hessischen Theatertage mit Thomas Manns "Buddenbrooks" von Britta Steiner-Rinneberg

19.06.15 || altWIESBADEN (18. Juni 2015) - Mit einem Grußwort des Kunst- und Kulturministers Boris Rhein wurden im Kleinen Haus des Staatstheaters die Hessischen Theatertage eröffnet. Sie finden in diesem Jahr zum zweiten Mal in Wiesbaden statt und machen das Publikum bis Ende Juni mit den wichtigsten Produktionen der großen Häuser bekannt und vermitteln ein Bild von dem, was auf den Bühnen in Frankfurt. Darmstadt, Gießen, Marburg und Wiesbaden derzeit für Aufsehen sorgt und bannt.

altDie Familie Buddenbrook am Wohnzimmertisch

Intendant Uwe Eric Laufenbergs Inszenierung der auf Thomas Manns berühmtem Roman "Die Buddenbrocks" basierenden , gleichnamigen Theaterfassung John von Düffels sorgte für den viel versprechenden Beginn der Theatertage und wurde im Kleinen Haus mit langem, starkem Applaus gefeiert. Der Name des berühmten Autors und dessen weltweit bekanntes umfangreiches Erstlingswerk lockten ein großes Publikum ins Theater. Der Eröffnungsabend erwies sich als regelrechter Volltreffer! Er wird nicht wenige animiert haben, den Roman anschließend noch einmal vorzunehmen, um sich stärker ins Gedächtnis zu rufen, was in Düffels auf die wesentlichen Punkte konzentrierter, viereinhalbstündiger Aufführung außen vor bleiben musste, Literaturkennern aber letztlich doch fehlte.

Auf der Bühne zu erleben waren das Zerbröckeln und der unaufhaltsame Niedergang eines alteingesessenen Handelshauses, in dem die Zeichen einer neuen Zeit nicht wahrgenommen oder bewusst negiert wurden. Nach dem Tod des Konsuls und dominanten Patriarchen der Familie mangelt es dem Unternehmen an Führungsstärke und fortschrittlichen Ideen. Allen Bemühungen zum Trotz treibt die Firma unaufhaltsam dem Bankrott entgegen.

Schwere Bürden


Zum wirtschaftlichen Niedergang kommen familiäre Zwistigkeiten, Sorgen und Enttäuschungen vielerlei Art: Die aus kaufmännischen Überlegungen des Konsuls heraus erzwungene und schnell scheiternde Verheiratung der Tochter Tony mit dem zu spät als Gauner erkannten "Geschäftsfreund" Grünlich geht in die Brüche. Das Desaster treibt die zwar bitter enttäuschte, aber lebensfrohe junge Frau in die nächste glücklose Ehe mit Permaneder, einem bramarbasierenden bayerischen Großmaul. Sie scheitert gleichfalls und treibt Tony hilfesuchend in die allerdings nur noch scheinbare Geborgenheit und Sicherheit des väterlichen Hauses zurück.

Der alte Konsul Buddenbrook (Bernd Ripken) und seine Söhne Christian (Stefan Graf)und Thomas (Janning Kahnert). Fotos (2): Staatstheater Wiesbaden/Monika und Karl Forster

Als schwere Bürde erweist sich in krisenhafter Zeit die totale Geschäftsunfähigkeit des Sohnes Christian, der weder willens noch imstand ist, die sich zuspitzende Situation zu erkennen und sich nützlich einzubringen. Statt dessen jagt er Hirngespinsten nach und flüchtet in eingebildete Krankheiten aller Art, statt seinem ums Überleben de Firma kämpfenden, überforderten Bruder Thomas hilfreich zur Seite zu stehen. Dessen wenig glückliche Geldheirat mit der geschäftlich kaum interessierten Gerda und seine sich steigernde Enttäuschung über den sich höchst seltsam entwickelnden und zum späteren Firmenchef kaum tauglichen Sohn Hanno treiben den verzweifelten Vater zum Jähzorn, lassen ihr total ausrasten und erschöpft zusammenbrechen. Thomas kann nicht mehr.

Es ist der Anfang vom schrecklichen Ende. Der ratlos am Boden liegende Mann weiß nur zu genau: Das Überlebensspiel ist aus. Es ist nichts mehr zu retten.

Am Ende sitzen alle wie versteinert am Tisch. Die Sprache ist ihnen abhanden gekommen. Einer nach dem anderen verlässt bedrückt den Raum. In Dunkelheit und Stille bleibt Christian einsam zurück. Das unfähigste Glied der geschlagenen Familie löscht schweigend die nur noch flackernde Kerze aus. Ein beklemmender Schluss, der alles sagt.

Starke Ensembleleistung in betont schlichtem Bühnenbild


Das Publikum feierte nicht nur die mir großem Engagement in ihre Rollen geschlüpften Schauspieler, sondern auch den Regisseur, der Düffels Dramatisierung des Romans mit großem Bedacht Rechnung trug und ihr besonders nach der Pause zu stärkstem Ausdruck verhalf. Großes Lob auch der Kostüm- und Bühnenbildnerin Susanne Füller für das gediegen-vornehme, aber völlig schmucklose Einheitsbild mit großem Esstisch und Stühlen im Zentrum. Hier vollzieht sich der unabwendbare völlige Zusammenbuch eines einstmals stolzen Handelhaus und Zerfall einer Familie.

Janning Kahnert, der anfangs noch etwas blass und unentschieden wirkte, steigerte sich in der Rolle des Firmenchefs Thomas bis zur Verausgabung! Eine darstellerisch wie sprachlich voll überzeugende, großartige Leistung! Janina Schauer gab der lebenshungrigen Tony mit Charme und temperamentvollem flotten Spiel klares Profil. Stefan Graf brillierte in der Partie des mit sich selbst geschlagenen Sohnes und Versagers Christian, Uwe Kraus überzeugte sowohl als hinterhältiger Mitgiftjäger Grünlich wie als protziger Permaneder.

Souverän und spielstark der lange am Wiesbadener Staatstheater engagierte und vielen in bester Erinnerung gebliebene Bernd Ripken in der Partie des hart gesottenen, unbeugsamen alten Buddenbrook, der die Zeichen der Zeit weder erkennen konnte noch wollte und dem Wohl der Firma zuliebe alles, letztlich auch die Familie, unterordnete. Stets an seiner dominanten starken Seite und ihm blind vertrauend Jessica Früh als eher unscheinbare Konsulin. Ausgezeichnet Helga Schoon als mit dem Buddenbrockhaus eng verwachsene treue Bedienste Lina, die alles beobachtet und mithört und sich schweigend ihren Reim daraus macht.

Hessische Theatertage, die aufregen und anregen wollen


Der hervorragenden Eröffnung der Hessischen Theatertage mit den "Buddenbrooks" folgten nach kleineren Beiträgen aus Frankfurt und Kassel aus dem Staatstheater Darmstadt Kleists schon nach der Premiere nicht unwidersprochen gebliebener "Prinz von Homburg", aus dem Finntheater Kassel "Krishmas Elite" und aus den Wiesbadener Kammerspielen " Enisgma". Das Giessener Schauspiel folgt mit "Frau Müller muss weg" und das Frankfurter Schauspiel mit "Nach dem Zorn". Mit "Siddhartha" steht eine weitere Produktion des Theaters Gießen in Haus, Das Landestheater Marburg bringt Brechts zur Zeit sehr viel gespielten "Woyzeck" auf die Bühne, die Wiesbadener Kammerspiele "Event" und das Schauspiel Frankfurt "Container Paris". Das Staatstheater Kassel wird mit Lucky Happiness-Golden Expresss" erwartet und den Schlusspunkt setzen.

altSzene aus der Giessener Produktion "Siddhartha". Foto: Staatstheater Wiesbaden/Rolf K. Wegst

Diese ausgewählten Produktionen der großen Theater Hessens und weitere, die in der "Wartburg" und im Studio über die Bühnen gehen, freuen sich auf viele neugierige Besucher, die gern einmal über den Wiesbadener Spielplan hinaus sehen und sich ein Bild von den Produktionen anderer Häuser machen möchten. Sie sind herzlich willkommen und werden anschließend im "Gläsernen Festivalzelt" am Warmen Damm mit Musik, Bands und vielen Gesprächen über das Gesehene und Gehörte erwartet.

Karten zu den Vorstellungen über Telefon 0 61 31 - 13 23 25