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Kunst & KulturBühne › Liebe, Rauflust, Opposition und bitteres Ende

Liebe, Rauflust, Opposition und bitteres Ende

Shakespeares "Romeo und Julia" als Zugstück der Heidelberger Schloss-Festspiele           von Britta Steiner-Rinneberg

15.07.15 || altHEIDELBERG (15- Juli 2015) - Zwischen den alten Veroneser Familien Capulet und Montague herrscht erbitterte Feindschaft. Niemand weiß, seit wann und weshalb. Am allerwenigsten Romeo und Julia, die Kinder dieser einander hassenden Elternhäuser, die das nicht stört, weil sie es gar nicht anders kennen. Das Pärchen hat sich auf einem Maskenball kennen gelernt, ineinander verguckt und blitzschnell beschossen, für immer beieinander zu bleiben. Dass dieses „ewig" nur ganze fünf Tage dauern und dann tödlich enden wird, konnten die kaum dem Kindesalter entwachsenen jungen Leute freilich nicht ahnen.

Romeo (Martin Wißne)r auf der Leiter zu Julias (Josepha Grünwald) "Balkon"

Shakespeares derzeit viel gespielte, höchst unterschiedlich auf die Bühne gebrachte und gern als die „größte Liebesgeschichte der Welt" gefeierte Tragödie ist Zugnummer im diesjährigen Plan der Schloss-Festspiele,. Aus Protest gegen Bevormundung durch Eltern und Umwelt gehen Julia, die nur scheinbar gehorsame einzige Tochter der Capulets und der provokant über die Stränge schlagende und den Außenseiter hervorkehrende Romeo, die mit der gespielten Wohlanständigkeit der Gesellschaft nichts mehr zu tun haben wollen, eigene, riskante Wege und bezahlen mit dem Leben,

Ein verliebtes Pärchen geht aufs Ganze


Der jähzornige, exaltierte, clevere Bursche in T- Shirt und kurzer Hose provoziert und attackiert, wann und wen er nur kann, fordert die Spiel - und Sportsfreunde und Julias Eltern kräftig heraus und sperrt die eigenen vorzeitig aus, damit sie gar nicht erst wagen, ihm das Handwerk zu legen. Julia hat angesichts solcher Tatkraft kein Problem, auf ihre Weise kräftig mitzumischen und zeigt Mama (Nicole Averkamp) wie Amme (Saskia Taeger) deutlich die Krallen.

Mit Papachen ist es allerdings etwas schwieriger: Hinter dessen vornehmer Maske verbirgt sich ein keinerlei Widerspruch duldender, kalter Machtmensch, der für den verhassten Sohn seines Todfeindes nichts als Verachtung empfindet und die Tochter mit dem arroganten. geschniegelten Grafen Paris vermählen will. Als weder Worte noch üble Beschimpfungen etwas fruchten, platzt Capulet der Kragen: Er legt seinen widerborstigen Sprössling kurzerhand übers Knie und vermöbelt ihn nach Strich und Faden. Doch Julia, die den weißseidenen Lackaffen um keinen Preis haben will, ist auch mit Prügel nicht beizukommen!

Das um seine „Freiheit" kämpfende Paar macht in seiner Liebesnot Nägel mit Köpfen: Sucht den Elternbeschluss mit Hilfe einer heimlichen Schnelltrauung durch Pater Lorenzo zu konterkarieren, und danach zu fliehen. Aber das Schicksal will es anders: Als Romeo seine Julia dank des "Giftes" leblos im Bett findet, scheint er zwar schockiert, vor allem aber fuchswild. Ohne zu überlegen schnappt der Rasende sich den vor der Tür lauernden Paris, fordert ihn kurzerhand zum Duell und gibt dem Sterbenden, der sich blutend auf dem Boden wälzt, triumphierend noch den Todesstoss! Dann kramt er sein Fläschchen aus der Hosentasche, schluckt das Gift und bricht neben Julia zusammen, während die nur Scheintote wieder erwacht und sich anschließend aus Kummer erdolcht. Der Traum ist aus.

Die scheintote Julia (Josepha Grünwald), links daneben Romeo (Martin Wißner), rechts im Hintergrund Graf Paris (Thomas Ziesch)

Gespielt wird in Markus Heinzelmanns Einstudierung mit vollem Einsatz aller Protagonisten, Allen voran von dem seit 2013 am Heidelberger Theater engagierten Martin Wißner als durchtrainiertem, unbedachtem, heißspornigem Romeo, der auf dem über Seile und eine schwankende Leiter führenden, gefahrvollen Weg zu Julias Kammerfenster fast in den gähnenden Abgrund gestürzt wäre! Josepha Grünwald ist eine dem kompromisslosen Herausforderer angepasste und zu allem bereite Julia. Vincent Doddema gibt den Mercutio, Romeos zwielichtigen „besten Freund", Fabian Oehl den imponierenden Benvolio und Florian Mania den Vetter Thybalt , der erschlagen auf der Strecke bleibt.

Unter den Eltern profiliert sich in erster Linie Hans Jörn Krumpholz, der lange Jahre am Hessischen Staatstheater Wiesbaden engagiert war und In Heidelberg als hervorragend sprechender, rabiater Capulet weitgehend die Szene beherrscht. Andreas Seifert gibt den letztlich ratlosen Bruder Lorenzo und Saskia Taeger die geschäftige, schwatzhafte Amme. Viel Zustimmung für die von Willi Haselbeck ausgewählte Musik und begeisterter Applaus des Publikums für die ausgezeichnet einstudierten, attraktiven Fecht- und Raufszenen der jugendlichen Bande, die in Heidelberg immer gern gesehen sind und nicht vermisst werden möchten.

Gefeierter Gala - Abend


Unter Leitung des stellvertretenden GMD Dietger Holm ging unter Moderation Heribert Germeshausens bei traumhaft schönem Wetter das große Galakonzert der Festspiele über die Freilichtbühne-, Die Himmelsschleusen blieben den ganzen Abend erfreulicherweise geschlossen und ersparten den Besuchern zum Glück einen für den "Notfall" vorgesehenen Umzug in den trostlosen Königssaal

Der vom Philharmonischen Orchester bestrittene, genussvolle Abend begann mit Händels "Feuerwerksmusik"- Ouvertüre und der Arie "Dopo notte" aus "Ariodante" ,die der koreanische Countertenor Kangman Justin Kim mit perfekter Koloraturtechnik zu Gehör brachte. - Cornelia Ptassek vom Mannheimer Nationaltheater beglückte die Zuhörer mit Dvoraks zauberhaftem "Lied an den Mond" und nach der Pause mit Lehars "Vilja-Lied". - Mit einer Arie aus Bellinis Oper "I Puritani" stellte sich der serbische Bariton Ipca Ramanovic vor, der nach der Pause mit der berühmten Arie aus Verdis "Don Carlo" begeisterte.- Starken Beifall gab`s wieder für den mexikanischen Tenor Hector Sandoval, der sich mit der Kavatine "Una furtiva lagrima" erneut als Publikumsliebling erwies. Das Publikum im voll besetzten Hof dankte den Künstlern mit Riesenapplaus für einen höchst gelungenen, festlichen Sommerabend im Schloss.

altSzene aus "Penumbra" im "Dicken Turm" des Heidelberger Schlosses. Fotos (3): Theater Heidelberg/Annerose Taake

Tanz und Artistik im Turm


Von ganz anderem Zuschnitt war die im "Dicken Turm" über die schmale Bühne und tobende Tanz- und Akrobatik-Premiere "Penumbra". Was Janine Linnings Heidelberger Tänzer und Tänzerinnen unter den Choreographen Tim Behren und Florian Patschofsky darbieten, ist das Ergebnis artistischen Könnens und harter Schulung, die die Compagnie gehörig ins Schwitzen bringt. Auf der "Bühne" zu bewundern ist ein temporeiches, hoch konzentriertes Stemmen, Stützen und Stürzen, das halsbrecherisch wirkt. Die durch die Luft gewirbelten Akrobaten kommen dabei den Zuschauern, die an der Turm- Innenwand sitzen, oft gefährlich nahe. Ein mit viel Beifall für die waghalsigen, halbnackten Protagonisten belohnter, turbulenter, strapaziöser Abend, der auch sportliche Zuschauer, die ihre Knochen lieben, wohl kaum zur Nachahmung animieren dürfte.

Ein begeisternder Trompeter


Zu "Sternenregen und Funkenflug" hatten die Schlossfestspiele im 2. Open-Air-Konzert eingeladen, das dem traditionellen Sommer-Feuerwerk voran ging und alle, alle kamen!. Doch das Raketen-Spektakel am nächtlichen Himmel hatten die meisten Besucher schon weit aufwändiger und interessanter erlebt und ebenso das vom Philharmonischen Orchester bestrittene musikalische Programm. Es hatte Webers Ouvertüre aus dem "Freischütz" , Brahms` kaum von den Stühlen reißende "Ungarische Tänze" und Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre zu "Romeo und Julia" im Gepäck und nahm den mäßigen Beifall tapfer hin, Es war wohl die brütende Hitze des Tages, die alle etwas erschöpft und unlustig wirken ließen..

Doch der Abend hatte einen Lichtblick, und der hieß Wolfgang Bauer! Der gefeierte Trompeter, der an der Berliner Orchester-Akademie studiert hatte und von vielen großen Musikfestivals her bestens bekannt ist. wirkt seit 2002 als Professor für Trompete an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Im Gepäck für Heidelberg hatte er Johann Nepomuk Hummels Konzert für Trompete und Orchester E-Dur. Sein lupenreiner Ton und feinfühlig- sublimer Ausdruck wurden vom großen Publikum mit riesigem Beifall gefeiert und bedankt. Was im Schlosshof noch aussteht, sind die " Schönsten Filmmusik-Klassiker", die am 25. und 29.Juli unter dem Titel "Film ab -Hollywood und Co" den Abschluss des Festivals bilden. Wer noch nicht dort war: Das Märchenspiel "Rapunzel geht los" und die Wiederaufnahme des Musicals "My Fair Lady" sind ebenfalls noch bis Ende des Monats zu sehen.

Karten für alle Veranstaltungen gibt es über Telefon 0 62 21 - 58 20 000