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Kunst & KulturBühne › Zukunftsvisionen in höfischer Düsternis

Zukunftsvisionen in höfischer Düsternis

Intendant Uwe Eric Laufenberg inszeniert Schillers „Don Karlos" im Kleinen Haus - Anregung zu Diskussion und Nachdenklichkeit           von Britta Steiner-Rinneberg

18.10.16 || altWIESBADEN (17. Oktober 2016) - Schillers dramatisches Gedicht „Don Karlos" , diese „Familiengeschichte aus fürstlichem Haus" mit der dazu erfundenen Figur des Marquis de Posa steht, von Regisseur Laufenberg erheblich gekürzt, dreieinhalb Stunden in Wiesbaden auf der Bühne des Kleinen Hauses und regt die Besucher zur Diskussion an.

Der aus den Niederlanden zurück gekehrte Posa, der sich als Freund der Unterdrückten und Repräsentant der ganzen Menschheit wähnt, vermag Karlos, seinen Freund und potentiellen Nachfolger König Philipps, für seine kühnen Ideen zwar zu entflammen, setzt aber auf den falschen. Der unkonzentrierte, fahrige,
fast noch etwas verspielt wirkende Königssohn ist den beredten Worten des anderen zwar zugänglich. Aber wegen seiner Zuneigung zu Königin Isabelle, seiner ihm aus Staatsgründen vom Vater weggenommener Braut, ist er für die Ideen des Freundes nicht eben der verlässlichste Partner. Posa erkennt es zu spät.

altKarlos/Nils Strunk und Garf Lerma/Maximilain Pulst

Der fehlende Zugang des sorglos lebenden, unreifen Prinzen zu seinem Vater, der ihn kaum ernst nimmt und mit verständlicher Sorge in die Zukunft des Hauses und Landes schaut, drückt sich in Laufenbergs Interpretation von Anbeginn deutlich aus. Der von intriganten Einflüsterern wie dem aalglatten Herzog von Alba und dem scheinheiligen Beichtvater Domingo umgebene Herrscher des Riesenreichs ist im Grunde ein armer Teufel, der keinen Augenblick der Ehrlichkeit seiner Umgebung sicher ist, der sich vergeblich nach Wahrhaftigkeit und Liebe sehnt und sich in derkalten Pracht seines Palastes, in dem alle Wände Ohren haben. mutterseelenallein fühlt.

Versunken in das Porträt seines Ahnen und den matten Abglanz verklungener glorreicher Tage irren Philipps Gedanken weit zurück. Er taumelt zwischen Resignation und plötzlich aufbrausendem Zorn über Lug und Betrug seiner Umgebung. Scheint einen Anlauf zur Änderung der Dinge zu nehmen, wird überrundet, fällt wieder zusammen, verliert Tag um Tag an Mut und Kraft und endet als armseliges, hilfloses Bündel, das einmal der mächtigste Herrscher der Welt war!

Philipp: Eine einsame Kreatur, deren geheimes Wünschen und Wollen an den massiven Wänden seines allenthalben belauschten Palastes abprallte, die vom unfähigen Sohn weder Rat noch Hilfe erhoffen konnte, von der Frau nicht geliebt wurde und sich tagtätlich vergeblich nach Wahrhaftigkeit sehnt. Ein von allen Verlassener und Betrogener. der seinem unabwendbaren Schicksal entgegen wankt. Tom Gerber gibt ihm grandioses Profil!

altKönig Philipp/ Tom Gerber und der Marquis von Posa/ Stefan Graf. Fotos (2): Staatstheater Wiesbaden/Andreas Etter

Als Gegenspieler behauptet sich der unbeirrt und überaus redegewand seine Zukunftsvisionen ausbreitende Marquis Posa (Steffan Graf), der den im Grunde unfähigen Prinzen Karlos an die Spitze des Freiheitskampfes bringen will, ihn aber bei weitem überschätzt. Nils Strunk gibt dem naiven, unerfahrenen, den Kinderhosen noch nicht recht entwachsenen und noch stark sicherer Führung bedürftigen Infanten, dem es als potentiellem Souverän sowohl an Überzeugungs- wie Führungskraft fehlt, glaubhafte Züge.

Stefan Graf, den man in gleicher Rolle vor drei Jahren im Staatstheater Mainz erlebte, gibt dem überaus redegewandten, ebenso klugen wie vorschnellen jungen Malteserritter Posa überzeugendes starkes Profil: Ein ebenso selbstbewusster wie draufgängerischer Fanatiker, der seinen starken Einfluss auf den ihm gespannt zuhörenden König und den einer festen Führung bedürftigen Karlos voll zu nutzen versteht.

Liewellyn Reichmann als Elisabeth trägt an der Seite König Phillips die bitteren Züge einer unglücklichen Königin, die in eine nie gewollte Ehe gezwungen wurde. Kruna Savic präsentiert sich als ebenso laszive wie intrigante Eboli, Rainer Kühn gibt einen imponierenden Herzog von Alba und Benjamin Krämer-Jenster den doppelzüngigen, scheinheiligen Beichtvater des Königs, Domingo. In weiteren Partien Maximilian Pulst (Graf Lerma) Steffen Happell (Don Raimund) und Monika Kroll als Großinquisitor des Reichs.

Viel Applaus des Publikums auch in der zweiten Vorstellung: Für Regisseur Uwe Eric Laufenberg, für Gisbert Jäkel als Schöpfer des bis auf zwei Möbelstücke beängstigend leeren, frostigen Palastes und für Kostümbildnerin Marianne Glittenberg.

Nächste Aufführungen am 26.10., am 1.,10 und 11. November -Karten über 06121/ 1312 25