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Alle warten auf Frieden

Regisseur Nicolas Brieger inszeniert im Staatstheater Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise"           von Britta Steiner-Rinneberg

03.04.18 || altWIESBADEN (02. April 2018) - Ein Mann kommt mit gehetztem Blick aus einem Keller. Hat überlebt und blickt angstvoll in die Trümmerlandschaft, die seine Heimat war. Geschrei ringsum. Der Ort, an dem Regisseur Nicolas Briegers Stück spielt, könnte überall sein, wo Terror und Gewalt die Herrschaft übernommen haben. Wo Waffen das Leben jedes Einzelnen bedrohen und alle auf Frieden warten. Es wird so weiter gehen, fürchtet jeder und schickt sichdrein, weil er doch nichts ändern kann. Auch der Händler Nathan nicht, dem das ganze Leben einem Risiko gleichkommt.

Nathan ist in der Version des Lessing-Dramas ein von der Zeit geprägter Mensch, der weiß, dass ein Überleben in solchen Zeiten nur noch mit geballten Fäusten möglich ist. Seine einzige Sorge gilt der geretteten und seitdem bei ihm aufgewachsenen Waise Recha, die er wie ein sorgender Vater hütet und vor Saladins Zugriff bewahrte.

Szene aus Lessings „ Nathan der Weise", von links Maria Hartmann, Mira Benser und Tom Gerber

Christen wird in Briegers Inszenierung ebenso wenig Rechnung getragen wie dem Juden Nathan, für den die Unantastbarkeit der Menschenwürde ein höchstes Gebot dünkt, das befolgt werden muss. Dass er es einhält, zeigt der Schluss dieses Dramas, in dem Lessing aufgebaute Schranken einreißt und an deren Stelle mitmenschliches Fühlen und Denken setzt.

Einen „ewigen Frieden" kann es nicht geben, weiß Nathan und deutet auf seine gepackten Koffer. Als am Schluss der eiserne Vorhang gefallen ist, kommt er noch einmal an die Rampe, um in großen Buchstaben das Wort „WAR" an die Wand zu malen. Die Zeit der Menschenrechte und humanen Gesten scheint vorbei. Nathan ist vorsichtig geworden, hat keine Illusionen mehr und schaut sich misstrauisch immer wieder um. Allerdings mit geballter Faust! Sein dringlicher Wunsch ist, Recha zu retten! Und dieser Wunsch ist stärker als alle Furcht. Obwohl seine ganze Familie ausgelöscht wurde, entschied er sich trotzdem zum Weiterleben. Will das Grauenhafte nicht ahnden, nicht auf Vergeltung und Rache sinnen, sondern auf Liebe und Vernunft bauen..

Mit diesem Stück, in dem Gewalt und Terror herrschen und die Grenzen des Erträglichen erreicht sind, gibt es keinen „ewigen Frieden". Niemand weiß das besser als der Geschäftsmann Nathan, der seine ganze Familie verlor und nun alle Liebe und Fürsorge an Recha wendet, um der Ziehtochter wenigstens ein besseres Oberleben unter den „Raubtieren" zu ermöglichen. Trostlosigkeit und Grauen überall herrschen und zwischen den Trümmern irren hilflose Menschen. die irgendwie zu überleben suchen.

Tom Gerber und Hanno Forster (von links): Fotos (2): Staatstheater Wiesbaden/Karl Monika Forster

Dieser Nathan ist weder lebensklug oder gar weise, sondern ein kleiner Geschäftsmann, der in einer Zeit pausenlosen Kriegsgeschehens überlebte, der seine Familie verlor und eine Jüdin als Kind annahm, um sie vor der zähnefletschenden Masse der Feinde zu bewahren. Er weiß, einen „ewigen Frieden" gibt es nicht in einer Welt, in der man ständig auf gepackten Koffern sitzen muss, um schnell das Weite suchen zu können. Nathan macht sich keine Illusionen und rechnet insgeheim mit dem Schlimmsten, während Saladin sich geruhsam das Blut von den Händen wlscht, während der Tempelherr ihm Bericht erstattet und der gelangweilte Patriarch pausenlos Nüsse knackt.

Szenenwechsel: Im grauen Trümmerfeld irren entkräftete bleiche Gestalten zwischen geborstenen Mauern umher, um nicht zu Zielscheiben für die Feinde zu werden, Sittah, Recha, Saladin und der Tempelherr feiern am Schluss ein seltsam fröhliches Familienfest, während Nathan leise im Hintergrund verschwindet. Erst ganz zum Schluss kommt er noch einmal nach vorn und schreibt das Wort „WAR" an die Wand, Dann wird die Bühne dunkel. Die Zeit der Aufklärung und der Menschenrechte ist vorbei.

Gespielt wird in Nicolas Briegers Inszenierung, die Lessings Dramatisches Gedicht als bittere Wahrheit auf die Bühne bringt, ganz besonders in den wichtigsten Rollen hervorragend. Tom Gerber brilliert als hilfsbereiter, sorgender reicher Jude, Hanno Friedrich als Sultan Saladin und Mira Benser als Recha, Nathans an kindesstatt angenommene Tochter, die ihm die verlorene Familie ersetzen soll. Riesenapplaus eines offensichtlich stark berührten Publikums dankte den brillanten Darstellern für einen Klassiker, der heute wie gestern Gültigkeit hat. Der berührt, packt und die Menschen zum Nachdenken zwingt.

Nächste Aufführungen am 14., 26. und 27. April - Karten unter Telefon 0611 - 132 325