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Kunst & KulturMusik › „Alles im Leben ist Spaß!! - Alle sind Narren und Genarrte, auf der Bühne wie im Saal!“

„Alles im Leben ist Spaß!! - Alle sind Narren und Genarrte, auf der Bühne wie im Saal!“

Viel Anklang fand Verdis Alterswerk „ Falstaff" in einer Interpretation von Christian Spucks im Staatstheater Wiesbaden                                          von Britta Steiner-Rinneberg

19.02.10 || altWIESBADEN (19. Februar 2010) - Verdis Alterswerk „Falstaff" mit dem Untertitel „comedia lirica" steht in überzeugender Interpretation Christian Spucks, des Choreographen und designierten Ballettdirektors am Basler Opernhaus, im Hessischen Staatstheater auf der Bühne: Präzis, spritzig, humoristisch arrangiert und bildstark! Eine begeistert gefeierte Aufführung, an deren Gelingen neben den vorzüglichen Solisten das Staatsorchester unter GMD Marc Piollets souveräner Leitung besonders starken Anteil hat. Bei der Premiere blieb kein Wunsch offen!

Dunkel und nur spärlich möbliert die von Emma Ryott gestaltete Bühne mit der bescheidenen Wirtshausstube, in der Sir John „Hof hält" und seine wie Puppen dirigierten diebischen Diener Bardolph und Pistol kujoniert. Fuchsteufelswild platzt Dr. Cajus( (Christopher Busietta) herein, um sich brüllend über einen Diebstahl der „Kanalratten" zu beschweren. Den Dickwanst und Saufaus, der sich im „blühenden Spätsommer" und „voller Mannesblüte" wähnt, schert das freilich wenig. Er hat Wichtigeres zu tun: Muss sich um seine zerrütteten Finanzen kümmern, die er mit dem Geld Hilfe zweier reicher Frauenzimmer wieder auf „standesgemäßes Niveau" zu bringen gedenkt und beiden deshalb begehrliche Liebesbriefe schreibt. Was ihn teuer zu stehen kommt, denn Alice Ford und Meg Page sind von seinem Süssholzgeraspel wenig entzückt und beschließen ihm einen Denkzettel zu verpassen, der ihm die Lust auf Amouren vergehen lässt. Am Ende liegt der Lustmolch „erschlagen" am Boden: Ein selbstgefälliger, gehörnter alter Esel.

Das Publikum spannt vergnügt auf den riesigen Wäschekorb, in den das gewichtige „Weinfass" zum „Schutz" vor Alices eifersüchtigem Gatten gezwängt und anschließend mit Vergnügen in den Stadtgraben gekippt wird. Mühsam aus dem (Orchester)- graben herauskrabbelnd, robbt der durchweichte, desillusionierte Schwergewichtler erschöpft in seine Kammer. Der Appetit auf Alice, für die er sich zum Stelldichein mit roter Seidenschärpe und blitzendem Helm extra fein gemacht hatte, ist ihm im Schlamm abhanden gekommen. Dafür dämmert die Erkenntnis: „Mit dem Verführen ist es wohl aus, alter John: Sie beißen einfach nicht mehr an!" Ach, wo sind sie hin, die köstlichen Zeiten, in denen er als begehrter Page „flaumfederleicht von einer zur anderen tänzelte...? "

Doch der Gipfel seiner Demütigungen, bei dem die regieführenden resoluten Windsor-Damen mit den Männern gemeinsame Sache machen, steht noch aus: Masken und Kostüme für die „Spieler" sind verteilt, die Rollen einstudiert. Bis ins Kleinste ausgeklügelt, geht Schlag zwölf der mitternächtliche Spuk unter der großen Eiche planmäßig über die Waldbühne, wo allerlei Geister, Kobolde und Vampire den im Geweihschmuck prangenden Rittersmann umzingeln und nach Herzenslust zwicken und zwacken, puffen, treten und schlagen, bis er sich vor Schmerz krümmt und wie ein reuiger Sünder um Gnade winselt.

Falstaff hat am geschundenen Leib erfahren, dass „Blühender Spätsommer" und „Unwiderstehlichkeit" endgültig hinüber sind und für die Zukunft Enthaltsamkeit angesagt ist. Die harte Lektion saß! Und noch einer hat in Verdi /Boitos hinreißender Charakter- und Typenkomödie dazugelernt: Der vor maßloser Eifersucht blinde Ford, der seine Frau der Untreue verdächtigte und die in Fenton verliebte Tochter unbedingt dem hypochondrischen Dr.Cajus zuschustern wollte. Von den cleveren Frauen restlos übertölpelt. muss auch er sich gehörnt geschlagen geben.

Gesungen und gespielt wird hervorragend, besonders von dem Bulgaren Kiril Manulov, der dem Falstaff mit profundem Bassbariton, großer Flexibilität und umwerfendem komödiantischem Gespür starkes Profil gibt, und seinem blindwütigen Gegenspieler Ford, der bei Thomas de Vries sängerisch wie darstellerisch in besten Händen ist. Bühnenpräsent und wendig Sharon Kempton als Alice Ford, Ute Döring als Meg Page, Liane Pilcher in der Partie der kupplerischen Quickley und Emma Pearson als Nannette. Der stürmisch gefeierten, glanzvollen Premiere folgte (in veränderter Besetzung) eine zweite Aufführung unter Leitung W. Otts, die weniger überzeugte und auf der Bühne wie im Graben hinsichtlich Tonreinheit und Differenzierung leider Wünsche offen ließ.

Weitere Vorstellungen sind am 5. Und 16. März. Kartenvorbestellungen unter Telefon 0611 - 132325

Die Szenenfotos - © Staatstheater Wiesaden/M.Kaufhold - zeigen oben Falstaff allein und im unteren Bild Falstaff mit seinen beiden Kumpanen.