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Kunst & KulturMusik › Lautten Compagney Berlin brilliert mit Händels Frühwerk „Rinaldo“

Lautten Compagney Berlin brilliert mit Händels Frühwerk „Rinaldo“

„Musik als Meditation über den Tod" traf ins Mark und ließ das Auditorium nach längerer, totenstille behutsam zu einem Beifall ansetzen, der dann in einen Sturm der Begeisterung aufbrauste - Rheingau Musik Festival Teil IV               von Britta Steiner-Rinneberg

22.08.11 || altRHEINGAU (21. August 2011) - Begeisterter Schlussbeifall, der die Künstler immer wieder aufs Podium rief und die Zuhörer nur höchst ungern zu den wartenden Bussen eilen ließ, war für die Lautten Compagney Berlin, die beim Rheingau Musik Festival in der Basilika von Kloster Eberbach mit Händels früher Oper "Rinaldo" gastierte, der schönste Dank. Eine hinreißende Interpretation, mit der das zu den renommiertesten deutschen Barockensembles zählende Ensemble ein weiteres Highlight setzte und dafür mit stehenden Ovationen, Trampeln und Pfiffen belohnt wurde.

Die unter Leitung ihres Gründers, des Lautenisten Wolfgang Katschner 1984 aus der Taufe gehobene, mit dem Händel-Preis der Stadt Halle ausgezeichnete Compagney, in deren Repertoire neben dem Musiktheater die geistliche Vokalmusik einen Schwerpunkt bildet, gastierte nicht zum ersten mal im Rheingau: Den meisten Besuchern wird die Aufführung der im Vorjahr an gleichem Ort vorgestellten, lange verschollen geglaubten Scarlatti-Oper „ Penelope la casta" noch in bester Erinnerung sein! Die im Archiv der Berliner Sing-Akademie aufgefundene und in Eberbach erstmals präsentierte Neu-Entdeckung sorgte in der Musikwelt für beträchtliches Aufsehen und drängte Veranstalter zum Nachspielen.

Oper in italienischer Aufführungspraxis


Diesmal kam die auf Werke von Monteverdi, Purcell, Buxtehude Bach, Schütz und Scarlatti spezialisierte Compagney, die ihre Händel -Kompetenz mit Opernproduktionen wie „Amadici" und „Teseo" erfolgreich unter Beweis stellte, mit dem Frühwerk des zu den wichtigsten Repräsentanten der italienischen Seria in England zählenden Komponisten in der Rheingau: Der 26jährige gelernte Organist hatte während seines Italienaufenthalts in Venedig den Kurfürsten Georg von Hannover (den späteren englischen König) kennen gelernt. Der verpflichtete den hoch begabten Musiker als Kapellmeister an seinen Hof, machte aber einen vorherigen England-Aufenthalt zur Bedingung .Händel trat ihn sofort an und kehrte später nur noch einmal zurück, um dann für immer in England zu bleiben: „Rinaldo" entstand!

alt"Rinaldo" - Sängerensemble und Dirigent Katschner. Foto: RMF/Kostermann

Auf seinen englischen Opern-Erstling folgten nach Gründung der Royal Academy of Music im Haymarket Theatre in kürzeren Abständen „Radamisto", „ Ottone", „Giulio Cesare", „Alessandro" und viele andere - bis die „Adels-Oper", ein fürstlich finanziertes Unternehmen, dem schnell Aufgestiegenen und Gefeierten gefährlich in die Quere kam und seinen Stern langsam blasser werden ließ. Händel zog (notgedrungen) die Konsequenz: Wandte sich nach seinem Abschied von der Bühne geistlichen Themen zu und beschritt mit der Schaffung seiner großen Oratorien, die ihrer dramatischen Inhalte wegen heute vielfach (und sehr erfolgreich!) szenisch aufgeführt werden, einen neuen künstlerischen Weg. Bis man auch ihrer überdrüssig wurde. Erst die 1920 von Göttingen ausgegangene Händel-Renaissance brachte nach langer Pause Opern und geistliche Werke wieder in Erinnerung und führte 1952 in Halle/Saale zur Gründung der heute weltweit bekannten und berühmten Festspiele, denen die von Hannover und Karlsruhe folgten. Seither haben Händel-Fans die Qual der Wahl zwischen durchweg exzellenten Festspiel -Interpretationen

Nach der Schlacht zum Christentum bekehrt


Rinaldo" - das ist die dramatische Liebesgeschichte von Almirena, der Tochter des Heerführers Goffredo und dem Kreuzritter, dem sie nach seinem erhofften Sieg über den Sarazenenkönig Argante zur Frau versprochen ist. Fast hätte die Geschichte tragisch geendet, weil Argante und die Zauberin Armida sie brutal zu verhindern suchten und die arme Almirena entführten. Doch da das Drama in der Barockzeit spielt, nimmt nach einigen Turbulenzen, Intrigen und seelischen Erschütterungen schließlich alles seinen guten Verlauf: Almirena wird befreit, der verliebte Ritter siegt über den heidnischen Todfeind und nimmt Zauberin und Fürst gefangen. Die besinnen sich angesichts ihrer schweren Niederlage eines Besseren und treten nach dem blutigen Gemetzel zum Christentum über. Von dieser versöhnlichen Geste zutiefst berührt. schenkt Rinaldo beiden die Freiheit...

Yosemeh Adjei (Eustazio in "Rinaldo").Foto: privat

Was wäre das konzertant dargebotene dramatische Bühnenwerk mit dem originellen „Spatzen-Konzert", mit dem der junge Komponist in London auf sich aufmerksam machte, ohne erstklassige Vokalisten und Instrumentalisten, wie sie in Eberbach zu erleben waren? Sie verhalfen dem RMF zu einem weiteren, umjubelten Höhepunkt! Die vielseitige australische Sopranistin Tiffany Speight als Armida und die Niederländerin Olivia Vermeulen als entführte Almirena, der aus dem Dresdner Kreuzchor hervorgegangene Tobias Berndt als Sarazenenfürst Argante und Mago Götz als Magier begeisterten ebenso wie die vorzüglichen Countertenöre!

In der Titelpartie war der von den Händelfestspielen Karlsruhe her bekannte Rumäne Valer Barna-Sabadus zu hören. Der gelernte Organist, Pianist und Sänger Jean-Michel Fumas, der jüngst in Halle Aufsehen erregte, sang einen imponierenden Goffredo, und Yosemeh Adjei, der in Karlsruhe, Göttingen, Heidelberg und bei den Schwetzinger Festspielen, wo er den Ezio sang, mit seiner Stimme Aufsehen erregt, glänzte als Goffredos Bruder Eustazio. An einem einzigen Abend drei nahezu gleichwertige Countertenöre in einem hinreißenden Terzett erleben zu können, hat man nur selten Gelegenheit. Die helle Begeisterung der Hörer über das Trio und dessen spannungsvolle, durch Mimik und Gestik unterstrichene Interpretation der Partien war nur zu berechtigt! Alle hoffen, ihnen und der Lautten Compagney im nächsten "Sommer voller Musik" im Rheingau wieder zu begegnen!

Musik als Meditation über den Tod


Noch vor Beginn des um ein und dasselbe Thema kreisenden Konzerts in der wieder bis auf den letzten Platz gefüllten Basilika bat Dirigent Enoch zu Guttenberg, auf den Applaus zwischen den dicht aufeinander folgenden drei Werken zu verzichten, um deren Querverbindungen so spürbar wie möglich zu machen. „Eine Pause würde empfindlich stören. Sie risse alles auseinander."

altDirigent Enoch zu Guttenberg bei seiner Kurzansprache. Foto: Steiner

Mit Mozarts von Todeserwartung, -sehnsucht und -kampf durchzogenem, unvollendet gebliebenem und in der Süßmayr-Vervollständigung aufgeführtem „Requiem" als Hauptwerk des Abends, mit Georg Melchior Hoffmanns Arie „Schlage doch, gewünschte Stunde", in der die Altistin Katharina Persicke brillierte und mit Mozarts Adagio und Fuge c-Moll gelang der Chorgemeinschaft Neubeuern und dem Orchester der Klangverwaltung München unter Guttenbergs souveräner Leitung eine Aufführung, wie sie zwingender und berührender kaum hätte sein können: „Musik als Meditation über den Tod" traf ins Mark und ließ das große Auditorium erst nach längerer, totenstiller Pause behutsam zu einem Beifall ansetzen, der schließlich in einen Sturm der Begeisterung mündete. Alle schienen das Bekenntnishafte des Werks mit den krassen Wechseln von Meditation, Empörung und Forderung und seiner von der Transparenz bis zur Explosion reichenden Tonentfaltung fast schmerzlich verspürt zu haben. Der seit vielen Jahren dem RMF fest verbundene Dirigent, seine hervorragend geschulten Sänger und Musiker und die Solisten Gerhild Romberger (Alt), Jörg Dürrmüller (Tenor) und Alfred Reiter(Bass) bescherten im Ambiente der alten Zisterzienser-Abtei dem Publikum eine Sternstunde der inneren Einkehr und Besinnung, die ihm unvergessen bleiben wird.

Kit Armstrong, Franz Liszt, Alfred Perl und Nikolay Borchev


altBariton Nikolay Borchev und Ensemble Oxalys. Foto: RMF/Klostermann

Nach einem anlässlich des 200. Geburtstages von Franz Liszt unter Moderation Alfred Brendels und mit Kit Armstrong am Flügel dargebotenen Konzertabend, der Leben und Werk des Meisters gewidmet war, nach den „Liedern einer Nacht", die der von sechs vorzüglichen Musikern begleitete Sänger und Schauspieler Ulrich Tukur unter Leitung Lutz Krajewskis im Wiesbadener Kurhaus auf die Bühne brachte und lautstark gefeiert wurde, nach dem Gastspiel Alfred Perls, der in Schloss Johannisberg mit Werken von Beethoven, Schumann und Liszt beglückte, nach den am gleichen Ort dargebotenen „Liedern eines fahrenden Gesellen" mit traurig-schönen Weisen von Reger, Zemlinski und Mahler, die der sympathische russische Bariton Nikolay Borchev feinsinnig sang und dabei vom Instrumentalensemble Oxalys einfühlsam begleitet wurde - nach diesen ohne Ausnahme jeweils mit anhaltendem Applaus belohnten Aufführungen feierte auch das Orchester aus der Lagunenstadt in Eberbach sein Debüt.

Carmignola und die venezianischen Musiker


Giuliano Carmignola und Venice Baroque Orchestra. Foto: Steiner

Das erst 1997 von dem Organisten und Cellisten Andrea Marcon gegründete und auf Alte Musik spezialisierte Venice Baroque Orchestra hat sich zur Aufgabe gemacht, nach vergessenen Werken des Barock zu suchen, sie notfalls zu ergänzen und neu vorzustellen. In den Rheingau kam es mit Werken von Vivaldi und Jean Marie Leclair. Solist des Abends war ein Meister auf der Barock- wie der modernen Violine: Der Ausnahmegeiger Giuliano Carmignola, der mit Dirigentengrößen wie Inbal, Abbado und Sinopoli erfolgreich zusammen arbeitet, an der Musikhochschule Luzern lehrt und auf allen großen Konzertpodien der Welt gefragt ist. Ihm vor allem gehörte der enthusiastische Beifall des Publikums, das den mit höchster Anspannung spielenden, scharrenden, polternden und stampfenden Geiger aus Treviso, der sich keinen Augenblick der Ruhe gönnte, mit dröhnendem Applaus und Pfiffen, während die eher zurückhaltend agierenden Musiker sich mit freundlichem Schlussbeifall begnügen mussten.