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Kunst & KulturMusik › „Wo die Liebe halt hinfällt ...“

„Wo die Liebe halt hinfällt ...“

Brecht-Weills amüsante Gaunerkomödie „Happy End" im Heidelberger Zelt-Theater von Britta Steiner-Rinneberg

17.04.12 || HEIDELBERG (17. April 2012) - In „Bill`s Ballhouse", der Whisky-Kneipe des berühmten Bosses der berüchtigten Chicagoer Gangsterbande, in der kurz vor Christmas der nächste große Coup geplant wird, ist schwer was los! Dass die Operation „Fröhliche Weihnacht" wegen standeswidriger Selbstbereicherung eines Mitgliedes letztendlich platzt, der Sünder von „Fliege", der Königin der Unterwelt, zur Rechenschaft gezogen wird und kurz und bündig das Zeitliche segnen muss, tut dem Spaß an der Freud freilich keinerlei Abbruch. Das Publikum hat sein helles Vergnügen am turbulenten Geschehen und einnehmenden Wesen der Räuberbande, die zum Schluss nicht etwa hinter Schloss und Riegel sitzt, wo sie hingehört, sondern im Domizil der um ihr Seelenheil besorgten Heilsarmee unterkriechen und im Schutz der Polizei dort ungestört Weihnachten feiern kann! Wer also verspürt, Bills anrüchiges Beisl kennen zu lernen: Im Heidelberger Zelt- Theater bietet sich dafür bis Mitte Juni noch viele Male beste Gelegenheit. Also nix wie hin!

altDas Szenenbild zeigt dasEnsemble in der Whisky-Kneipe.

Bertolt Brecht, Kurt Weill und Dororthy Lane (alias Elisabeth Hauptmann) hatten mit ihrer 1929 uraufgeführten dreiaktigen „Komödie mit Musik" eigentlich vor, dem Bombenerfolg der „Dreigroschenoper" mit „Happy End" einen weiteren Volltreffer folgen zu lassen. Aber der Wunschtraum erfüllte sich nicht: Die inhaltsschwache Verbrecherkomödie mit der kuriosen Liebelei zwischen dem Obergauner Bill Cracker und dem liebesdurstigen , abtrünnigen Heilsarmee-Mädchen Lilian Holiday wurde ein Flop, der schnell wieder vom Spielplan verschwand, bald vergessen und erst in die Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts für die Unterhaltungsbühne neu entdeckt wurde.

Philip Tiedemann, der Brecht-erfahrene, ehemalige Oberspielleiter am Berliner Ensemble, der sich mit der „Kleinbürgerhochzeit", „Trommeln in der Nacht", dem „Guten Menschen von Sezuan" und natürlich der „Dreigroschenoper" einen Namen machte, kennt die Schwächen von „Happy End" zwar genau, wollte die Komödiantik des Stücks mit den herrlichen Songs und Weills nach wie vor zündender Musik aber nicht einfach so in der Ecke verstauben lassen und ging ans Werk. Des Regisseurs geniale Idee, das „ Komödchen" von experimentierfreudigen, flexiblen Schauspielern als witziges „Puppentheater" flott auf die Bretter zu bringen, erweist sich als Treffer: Auf den Zuschauer warten zweieinhalb höchst vergnügliche, kurzweilige Stunden!

altHier im Bild ist "die Gaunerbande" zu sehen. Fotos: Staatstheater Heidelberg/Klaus Frölich

Im Mittelfeld der breit gezogenen Spielfläche des Heidelberger Theaterzelts steht ein winziges Bühnchen mit rotsamtenem Vorhang, das der berühmte Mond von Soho in wechselnden Farben liebevoll bescheint. Die Schauspieler, von denen allein die Oberkörper zu sehen sind, bewegen sich auf zwei Ebenen. Die von der Theaterwerkstatt kunstvoll an die Kostüme genähten, beschuhten oder rotbestrumpften Beine der Figuren werfen die Spieler bei ihren Auftritten mit Schwung über die Balustrade, lassen sie dort lustig baumeln und im Eifer der „Gefechte" jeweils „mitwandern". Die Wirkung ist gekonnt und die Illusion perfekt. Da wurde sehr gründlich geprobt!

„Erbauer" dieses von Bill mit Fleiß ergaunerten Etablissements, in dem die nächtlichen „Feldzüge" geplant und die „Rollen", aus denen bei Gefahr für Leib und Leben keiner ausbrechen darf, der Begabung entsprechend zugeteilt werden, ist Bühnenbildner Stephan von Wedel, der Diebe wie Soldatinnen auch in die passenden Klamotten steckte. Die musikalische Leitung liegt in Händen des auch als Pianist und Arrangeur bekannten Musikers Hajo Wiesemann, der an der Essener Folkwang-Universität der Künste als Dozent für Liedeinstudierung und Chor wirkt und die aus Mitgliedern der Philharmoniker bestehende Heidelberger Band bestens im Griff hat. Was mit Schlagzeug, Trompete ,Posaune und Saxophon, mit Kontrabass, Gitarre, Bandoneon, Banjo, Percussion und allerlei Geräuschen anderer Art elektrisierend aus dem Graben dringt und die berühmten Songs temperamentvoll begleitet, hat Schwung und Pfiff und reißt einfach mit! Will man mehr?

Die glänzenden Sänger- Darsteller überzeugen mit Spielfreude und Elan. Sie lassen den bis auf einige vermeidbare Längen turbulenten Abend fast im Flug vergehen und den schwächelnden „Inhalt" der an Slapsticks reichen Kriminalkomödie, in der zumindest über Weihnachten die Liebe die Oberhand bekommt, glatt vergessen. Stellvertetend für das engagierte, große Ensemble seien Clemens Dönicke als Bandenchef und Barbesitzter Bill Cracker und Claudia Renner als verliebter, „gefallener" Leutnant der Heilsarmee genannt. Hans Fleischmann gibt den martialisch auf die Pauke hauenden, bärbeißigen Major. Olaf Weißenberg überzeugt als ständig Whisky saufender Jimmy und Katharina Quast als mörderische Unterwelt-Königin, die streng über Sitte und Moral der Räuberbande wacht.

Die Luft im Zelt ist geschwängert von „Das Meer ist blau, so blau", von Haifisch- und Bilbao-Song und vor allem „Surabaya Johnny", mit dem die unter die Räuber gefallene Seelenfängerin Lilian brilliert, die ihren „Fehltritt" offensichtlich keine Sekunde bereut. Beim happy end sitzen Diebe und Soldatinnen wie Spatzen auf der Telegrafenstange glücklich neben einander und freuen sich ihres Lebens. Dann kippen sie wie auf Kommando nach rückwärts ab und lassen ihre über die Balustrade baumelnden Beinchen den dröhnenden Applaus der begeisterten Zuschauer als erste entgegen nehmen...

Die nächsten Aufführungen sind am 23. April,, am 10., 13., 28. und 31,. Mai und weiter im Juni - Karten über Telefon 06221 - 5820 000