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Wo blieb Wallenberg?

Das Badische Staatstheater Karlsruhe brachte zum Saisonende Erkki-Sven Tüürs gleichnamige politische Oper als Zweitaufführung auf die Bühne                von Britta Steiner-Rinneberg

24.07.12 || altKARLSRUHE (23. Juli 2012) - Zum Abschluss seiner erfolgreichen ersten Spielzeit ging Intendant Peter Spuhler ein Wagnis ein, das zum Schluss jedoch mit stehenden Ovationen des Publikums gefeiert wurde! Des estnischen Komponisten zweiaktiges Werk, das 2001 in Dortmund uraufgeführt wurde, kreist um einen berühmten Unbekannten: Den schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der im Juli 1944 im Auftrag der Schwedischen Krone nach Budapest entsandt wurde, um mit Hilfe Zigtausender ausgestellter Schutzpässe ungarische Juden vor der Deportation zu bewahren, die nach Einmarsch der Wehrmacht in Ungarn unter Leitung Obersturmbannführer Adolf Eichmanns in vollem Gange war und die Vernichtungslager füllte. Aus Ungarn waren zu diesem Zeitpunkt bereits 440 000 nach Auschwitz transportiert worden.

altSzenenbild mit dem Hauptdarsteller Wallenberg /Tobias Schabel

Als dann Anfang Januar 1945 die Rote Armee das Land besetzte, wurde Wallenberg als vermeintlicher Spion verhaftet. Er ist seither spurlos und kam mit größter Wahrscheinlichkeit in einem der berüchtigten mörderischen Arbeitslager um.

Das Schicksal des Mannes, der unter Gefahr für Leib und Leben 100 000 Menschenleben rettete und im Nichts endete, blieb bis heute im Dunkeln. Die Tatsache gab schon bald zu allerlei Mutmaßungen, Spekulationen, erfundenen Geschichten und Begegnungen, zu Ausschmückungen, Überhöhungen, Denkmalbauten und Heldenehrungen Anlass, die sich im verwirrenden zweiten Teil von Tüürs politischer Oper nieder schlugen. Dieser zweite Akt ist reine Fiktion, die versuchsweise aufzeigt, wie es zumindest gewesen sein könnte!

Ein Werk mit brisantem Inhalt und Durchschlagskraft! Der Komponist fand dafür mit Vibraphon, Marimba, Flöten, Holzbläsern und Streichern, mit Glockenspiel, Xylophon und starkem Schlagzeugeinsatz in aufrüttelnden Klangbildern haargenau die richtigen Töne. Das surreale Neben- oft Übereinander von Realität, Traumwelt und Erinnerung, die Bilder und Schauplätze, auf den sich die Personen in Tiermasken wie ferngesteuert bewegen, machen den Zugang zum Stück für den Besucher zunächst nicht ganz einfach. Doch Regisseur Tobias Kratzer und sein Ausstatter Rainer Sellmaier, ein eingeschworenes Team, dem 2008 der Internationale „Ring-Award" verliehen wurde, leisteten vorbildliche Arbeit. Besuchern der Schwetzingern Festspiele sind beide noch aus der vorjährigen, umjubelten Inszenierung von Glucks „Telemaco" in bestem Gedächtnis.

Verschiedene Berufsversuche und riskanter Auftrag der Regierung


Wer war Raoul Wallenberg, in dessen Leben so Vieles widersprüchlich erscheint, dessen weiteres Schicksal aller Bemühungen zum Trotz und ungeachtet der Öffnung der Archive bis heute völlig ungeklärt ist? Vor genau 100 Jahren wurde er als Spross einer der reichsten schwedischen Industriellenfamilien in Stockholm geboren und nach dem frühen Tod seines Vaters von Mutter und Großvater erzogen. Nach zumindest angefangenem Architekturstudium in Frankreich lernte er Amerika und die Türkei kennen, führte ein sorgloses Leben, fing danach auf Wunsch des Großvaters eine Banklehre an und gründete anschließend eine eigene Handelsfirma und meldete sich freiwillig zum Wehrdienst. Auf die Anfrage der amerikanischen Botschaft, ob er bereit sein, im Auftrag der schwedischen Regierung in Budapest eine humanitäre Aktion zur Rettung verfolgter Juden verantwortlich zu übernehmen, reagierte Wallenberg zunächst zögerlich, weil ihm wohl Zweifel kamen, der heiklen Mission nicht voll gewachsen zu sein.

altWallenberg/Tobias Schabel und Eichmann/Renatus Mezar

Dann sagte er zu und traf, mit Geldmitteln reich versehen, im Juli 1944 in Budapest ein . Er begann umgehend mit der Arbeit, verteilte Tausende von Schutzpässen, die über Nacht aus Juden Schweden machten, zunächst an die Gettobewohner und besonders Gefährdete, die von Eichmann schon zum Abtransport bestimmt waren. Als Wallenberg erkannte, dass sie nicht entfernt ausreichen würden, ließ er in eigener Verantwortung weitere ausstellen, löste das Getto auf, erwarb Häuser für die Geretteten, kümmerte sich um deren Versorgung und richtete Heime und Krankenanstalten ein. Als ein halbes Jahr später die Rote Armee in Ungarn einmarschierte, wurde er verhaftet, ins Moskauer Lubjanka-Gefängnis geworfen und nach eineinhalb Jahren auf den Todesmarsch in eines der gefürchteten Arbeitslager geschickt.

Begründete Bedenken und Beginn der heiklen Mission


Regisseur Tobias Kratzer vermittelt nach Tüürs Prolog , in dem Stimmen ohne Namen nach Wallensteins Taten und seinem sich im Nichts verlierenden Leben fragen, im ersten Akt punktuelle Einblicke in die entscheidende Stockholmer Konferenz und den Empfang mit den drei Diplomaten, die ihn mit der heiklen Mission betrauen und macht Wallenbergs durchaus begründete Bedenken deutlich, der schwierigen Mission nicht genügend gewachsen zu sein. Eine Dame der schwedischen Gesellschaft rät besorgt zur Vorsicht. Es folgen Szenen auf dem Budapester Bahnhof mit Übergabe der ersten Pässe, dann den Beginn der großen Rettungsaktion, die Begegnung mit dem eiskalten Bürokraten Adolf Eichmann, der ihm zeigt, dass größte Eile nottut, weil jeder Tag, jede Stunde, weitere Menschenleben kostet. Konfrontiert mit der Todesangst der in die Waggons Gepferchten und die Grenzen des ihm Machbaren dabei deutlich vor Augen, wird Wallenberg Tag und Nacht von Selbstvorwürfen und den marternden Gedanken geplagt, seine Mission nicht ausreichend erfüllen zu können:" Ich tue nicht genug! Nicht genug!"

Russische Gefangenschaft, Arbeitslager und mutmaßliches Ende


Lutz Hübners Libretto führt im fiktiven zweiten Akt der Oper mit Gefangennahme, Todesmarsch, scharfem Verhör und brutaler Misshandlung zunächst in die grausame Welt des Gulag, von der Häftlinge erzählen, die mit dem „Schweden" ein Gespräch suchen. Aber Wallenberg hat einen „leeren Kopf", „erinnert sich nicht" und wehrt müde ab ab:" Ich bin gestorben... lasst mich doch gehen..." - Ein zweiter Wallenberg tritt auf, der sich als Retter und Held produziert und feiern lässt. - Die drei Diplomaten suchen den Gefangenen im Lager erneut auf, um ihn für einen weiteren Auftrag zu gewinnen. - Adolf Eíchmann eilt selbstbewusst und mit sich zufrieden zu seiner Hinrichtung und nutzt die Gelegenheit, den verhassten Gegenspieler, der ihm ins Handwerk pfuschte, ein letztes Mal zu verhöhnen - Eine gerettete Frau, die im Gedenken an ihre ermordeten Toten nicht weiß, „ wie sie ihr Überleben überleben soll", gibt Wallenberg ihren Schutzpass zurück.

altWallenberg unter KZ-Häftlingen (Chor). Fotos: Badisches Staatstheater/Jochen Klenk

Öffentliche Ehrungen erklären den Helden zum mystischen Heilsbringer, dem Denkmäler gesetzt werden, und Präsident Ronald Reagan verleiht dem uneigennützigen Retter von 100 000 fürs Gas bestimmten ungarischen Juden die Ehrenbürgerschaft der Vereinigten Staaten von Amerika. Aus unendlicher Ferne dringt Wallenbergs resignierende Stimme ans Ohr: "Ich hab viel vorgehabt - und wenig erreicht ... zu wenig...." Der vielfarbige, potpourriähnliche zweite Teil der Oper mit der letzten Szene, die „Wallenstein-Zirkus" überschrieben ist, endet leise: Mit dem Auslöschen seiner Persönlichkeit und dem berückenden Gesang einer von Harfe, Oboe und Flöte zart begleiteten Frauenstimme aus dem Off .(Ina Schlingensiepen)

Stehende Ovationen für Staatskapelle und Solisten


Die starke Akzeptanz dieses „Wagnisses" im Staatstheater war erstaunlich. Der Beifall des Publikums galt freilich in erster Linie der unter Johannes Willigs Dirigat in Topform spielenden Badischen Staatskapelle, die auf zwingende Weise mit Tüürs vielschichtiger Musik bekannt machte und die Solisten wie den von H. Wagner einstudierten Chor zuverlässig begleitete. Der junge estnische Komponist und vielfache Preisträger, der Percussion und Flöte studierte, sich als Gründer einer progressiven Rockband einen Namen machte und heute künstlerischer Direktor des Internationalen neuen Musikfestivals NYYD und Ehrendoktor der Estonian Accademy of Music ist, dürfte mit dem Erfolg dieser Aufsehen erregenden zweiten Interpretation des Werks zufrieden sein.

Aus dem großen Ensemble, das durchweg überzeugte, ragen zwei Solisten heraus: Tobias Schnabel, der zu den gefragtesten Sängern seines Fachs zählende Bassist, der der schwierigen Partie des Wallenstein vor allem stmmlich glänzendes Profil gab. Und Renatus Maszar, der als Obersturmbannführer Eichmann brillierte, sein sängerisch wie darstellerisch brillanter Gegenspieler. Der studierte Kirchenmusiker wird in der neuen Spielzeit dem Karlsruher Ensemble angehören und dort u.a. als Sarastro, Wanderer und Wotan zu hören sein.

Die Oper wird in der im September beginnenden neuen Spielzeit 2012/ 13 wieder aufgenommen. Infos
über Tel. 0721 - 35570