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Kunst & KulturMusik › Eine Messe kehrt nach 250 Jahren an ihren „Geburtsort“ zurück

Eine Messe kehrt nach 250 Jahren an ihren „Geburtsort“ zurück

Wiederentdeckung des geistlichen Festmusik Joseph Schmitts durch das Rosenmüller-Ensemble - Rheingau Musik Festival  Teil V               von Britta Steiner-Rinneberg

21.08.12 || altKLOSTER EBERBACH (20. August 2012) - Sie wurde vor 250 Jahren in Kloster Eberbach aus der Taufe gehoben und seit der Säkularisation 18o3 dort nie mehr aufgeführt: Joseph Schmitts „Missa solemnis": Nach über 200jährigem Dornröschenschlaf kehrte sie im Mammutprogramm des RMF als Rarität an ihren Ursprungsort zurück und wurde vom Publikum in der bis zum letzten Platz besetzten Basilika als lange verschollene und nun wieder gefundene Tochter freudig begrüßt.

altRosenmüller-Ensemble aus Leipzig

Wer war dieser Joseph Schmitt, dessen zumeist aus geistlichen Werken bestehendes großes Oeuvre, das heute selbst in Fachkreisen kaum noch jemand bekannt ist? Die Neu-Entdeckung seiner Festmesse verdankt er Arno Paduch, der 1995 in Leipzig das Johann Rosenmüller Ensemble gründete. das vielen Hörern durch die Händel-Festspiele Halle, die Ansbacher und Aschaffenburger Bachtage oder das Arolsen Barockfest bekannt ist. Es widmet sich besondere der Wiederbelebung vergessener oder unbekannt gebliebener Musik des 17.und 18.Jahrhunderts.

Vom Komponisten zum Verleger


Georg Joseph Schmitt , der 1734 in Gernsbach bei Darmstadt geboren wurde und 1791 in Holland verstarb. trat mit 19 Jahren dem Zisterzienserorden in Kloster Eberbach bei, wurde dort zum Priester geweiht und ging danach für einige Zeit als Schüler des Gamben-Virtuosen Carl Friedrich Abel nach Dresden .In den Rheingau zurück gekehrt, war er während der nächsten Jahrzehnte in der Abtei mit der Arbeit des Chorregenten betraut, als der er nicht nur die musikalische Gestaltung des Tagesablaufs der Brüder zu organisieren, sondern auch neue Werke fürs Kloster zu komponieren und dort uraufzuführen hatte. In dieser erfolgreichsten Phase seines Komponistenlebens entstand über die reine Kirchenmusik hinaus auch ein Großteil seiner überlieferten Instrumentalwerke und geistlichen Lieder, deren Erforschung noch immer aussteht. Ob Schmitt diese Aufgaben auf Dauer möglicherweise zu wenig waren, zu eintönig dünkten oder, ob er sein leben einfach noch einmal ganz verändern wollte?

1771 verließ der inzwischen 37 Jährige Priester jedenfalls die Abtei, um nach Amsterdam zu gehen. Die eigentlichen Gründe, dem Orden den Rücken zu kehren und in Holland ein eher weltliches, aber bald genauso erfolgreiches Leben als Komponist, Lehrer und vor allem Verleger zu führen, sind bisher nicht erforscht. Zu den von ihm geförderten Komponisten, die er auf diese Weise auch in Deutschlands Norden bekannt machte, zählten Johann Stamitz, Joseph Haydn, die Bachsöhne Karl Philipp Emanuel und Wilhelm Friedemann und Mozart. Über die neue Verlegertätigkeit hinaus fungierte Schmitt auch als künstlerischer Leiter der von ihm mitbegründeten, aufklärerischen Felix-Meritis-Society, die sich neben der Musik auch der Malerei, Literatur und wissenschaftlichen Experimenten widmete.

Das Manuskript zu seiner wahrscheinlich für einen besonders festlichen Anlass komponierten „Missa solemnis" mit großer Bläsermusik entdeckte mit großer Bläsermusik wurde von Paduch in der Bibliothek von Kloster Ebrach (Erzbistum Bamberg). In Eberbach wurde es jetzt von acht engagierten Gesangssolisten. die zugleich den Chor bildeten und der mit je zwei Trompeten, Hörnern und Posaunen besetzten Instrumentalgruppe im Stil der Wiener Klassik aufgeführt. Eingebettet in die fünf Sätze der Messe kamen Psalm-Vertonungen und das Salve Regina des Venezianers Antonio Caldara zu Gehör. Er gehörte der älteren Komponisten-Generation an und wurde für den Priester Schmitt in der geistlichen Musik zum großen Vorbild. Caldaras früher bei Kaiserkrönungen in Frankfurt aufgeführtes „Te Deum laudamus" sorgte für den festlichen Schlusspunkt dieses raritären Eberbacher Konzertabends, den das Auditorium mit begeistertem Beifall für die auf historischen Instrumenten spielenden exzellenten Musiker und die engagierten Solisten Heike Heilmann (Sopran),Franz Vitzthum (Alt), Georg Poplutz (Tenor) und Markus Flaig (Bass) feierte!

Benefizkonzert in der Lutherkirche


Zu einem Benefizkonzert zugunsten des Fachbereichs Musik der Rheingauschule und St. Ursulaschule in Geisenheim hatten der zu den ältesten Wegbegleitern des RMF zählende Startrompeter Ludwig Güttler und der Organist Friedrich Kirche in die Lutherkirche Wiesbaden eingeladen, wo sie die Konzertbesucher mit einem für Trompete und Orgel geschriebenen, erlesenen Programm fesselten. Nach dem Auftakt kamen mit Vincent Lübecks Präludium und Fuge in E-Dur Kompositionen der Barockzeit von Händel, Telemann, Bach, Johann Ludwig Krebs und Scarlatti zu Ohren, sowie Werke Loeillets, Alcocks und Max Regers, mit denen der Bogen zum 19. Jahrhundert geschlagen wurde. Das Publikum in der bis zum letzten Platz besetzten Kirche lauschte gespannt und dankte den virtuosen Interpreten mit langem Applaus für einen genussreichen Abend, dessen stattlicher Erlös von 15.000 Euro den beiden Schulleitern übergeben wurde.

Großmeister der Gitarre in Johannisberg


Gitarrenkunst über drei Generationen war in virtuoser Interpretation im ausverkauften Metternichsaal von Schloss Johannisberg zu erleben, wo die Hörer das berühmte Quartett „"Los Romeros" lautstark feierten. Gegründet wurde es von dem in Malaga geborenen Komponisten und Gitarristen Celedonio Romero, der Ende der 5oer Jahre in die USA auswanderte und seinen drei hoch begabten Söhnen die ersten Lektionen selbst erteilte. Sie setzen die Familientradition bis heute lückenlos fort und gelten als Großmeister der Gitarre. für die viele berühmte Komponisten eigene Werke schrieben, die in Europas bedeutenden Konzertsälen aufgeführt werden. Nach des Gründervaters Tod 1886 übernahm zuerst Sohn Celino Romero, danach Enkel Lito Romero die Leitung des Quartetts das in seinem Programm klassische Werke und spanische Folklore aufs Glücklichste vereint.

alt

Das GuitarrenQuartett Los Romeros in Schloss Johannisberg

Nach Johannisberg waren die vier mit Kompositionen von Chapiny Lorente, Fernando Bustamante und natürlich Celedonio Romero gekommen und verwöhnten das Publikum, das sich am klangschönen, warmen Ton der Instrumente erfreute, darüber hinaus mit Arrangements aus Bizets „Carmen", Bretons „Jota de la Dolores" und Albeniz`"Granada". Die Romeros führen, wenn sie nicht gerade zusammen irgendwo auftreten, auch ein Privatleben: Celin Romero lehrt Musik und Gitarre an mehreren Universitäten Amerikas, sein Bruder Pepe Romero unterrichtet ebenfalls. Beide Brüder wurden von König Carlos zu Rittern geschlagen und in den Adelsstand erhoben; Lito und Celino Romero, die vorläufig jüngsten Mitglieder des Quartetts, die natürlich in die Fußstapfen der Väter traten, sind bereits überall gefragt und gastieren allein oder in der Gruppe auf vielen großen Musikfestivals mit Riesenerfolg.

altAlbrecht Mayer und die Symphoniker


Das Bild zeigt den Oboisten Albrecht Mayer. Foto:Privat/Ben Ealovega

Der international bekannte Oboist Albrecht Mayer und die bestens disponierten Münchner Symphoniker führten unter dem Titel "Bonjour Paris" das Publikum im Wiesbadener Kurhaus auf eine beschwingte Reise nach Frankreich, deren Leitung Ari Rasilainen übernommen hatte. Langer fröhlicher Applaus und diverse Bravos für den viel gefragten und sehr selbstbewussten Solisten, der erst vor kurzem sein eigenes Ensemble, „New Seasons", gründete und sich neben seinen zahlreichen Soloprojekten besonders der Kammermusik widmet. In Wiesbaden ließ er den Konzertabend mit Ghabriel Faures „Pavane" und Ravels „Pavane pou une infante defunte" und Vincent d`Indys „Fantasie sur des themes populaires francaix" beginnen. Das Publikum folgte der großen Fingerfertigkeit und Sicherheit des Virtuosen mit ebensoviel Interesse und Bewunderung wie der knappen, aber klaren Zeichengebung Rasilainens, der den meisten Konzertbesuchern als ehemaliger GMD der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz (2002- 2009) in guter Erinnerung ist. Nach Delibes` sechssätziger Suite "Le roi s`amuse", Poulencs „Deux marches et un intermede" und Arthur Honeggers „Pastorale d`ete" schloss der Dirigent und „Reiseführer" diese andere „Tour de France" mit Jean Francaix` tänzerisch interpretiertem, floralem Tagesreigen „L`Horloge de Fiore" genussvoll ab. Stehende Ovationen für den mit dem E.T.A- Hoffmann-Kulturpreis seiner Heimatstadt Bamberg ausgezeichneten Oboisten wie die1945 von Kurt Graunke gegründeten, ihn hervorragen begleitenden Symphoniker.

Das „Alexanderfest" - eine Sternstunde im Kloster


Mit Händel-Musik wurden die Liebhaber barocker Klänge gleich zweimal hintereinander verwöhnt: Nachdem das Kölner Kammerorchester, der Bach-Chor Siegen und bekannte Solisten unter Ulrich Stötzels Leitung das zwar immer etwas im Schatten seines „Messias" stehende „Dettinger Te Deum" gleichwohl mit großem Erfolg in der Eberbacher Basilika aufgeführt hatten, folgte schon tags darauf am gleichen Ort sein berühmtes „Alexander-Fest". Das händel-begeisterte und erfahrene Auditorium lauschte beglückt der unter Peter Neumanns präziser, souveräner Leitung mit dem Collegium Cartusanum, dem Kölner Kammerchor und drei Solisten überzeugend interpretierten barocken Festmusik, die in der Tradition der Cäcilienfeste entstand und seinerzeit Händels zweite Covent-Garden-Saison erfolgreich eröffnete.

altHändels "Alexanderfest" mit dem Collegium Cartusanum, dem Kölner Kammerchor und Solistenunter Leitung von Peter Neumann. Fotos: RMF/Ansgar Klostermann

Die zu Ehren der Schutzpatronin der Musik entstandene Ode stellt die Macht der Musik ins Zentrum des Werks, das um den „glorreichen" Sieg Alexanders des Großen über die Perser und seine ausladende Feier kreist, an der die berühmte Hetäre Thais und der begnadete Sänger Timotheus als prominente Gäste teilnahmen. Chor, Musiker und Solisten, voran der von den Staatsopern Hamburg und München, den Festspielen in Salzburg und Baden-Baden her bestens bekannte, grandiose Tenor Benjamin Hulett, wurden der effektgeladenen Musik des Komponisten aufs Perfekteste gerecht. Unter Neumanns durchdachtem, zügigem, farbstarken Dirigat demonstrierten sie eindrucksstark, wie durch die Faszination und Macht der Töne auch ein als größter Krieger der Weltgeschichte gefeierter Held wie Alexander am Ende besiegt werden konnte. Tosender Beifall, der kaum ein Ende nehmen wollte! Das Publikum feierte die Kraft der Musik tränenreiche Umkehr des in seinem Siegesrausch an die Grenze des Wahnsinns gelangten hybriden Feldherrn als weitere Sternstunde im ereignisreichen Jubiläumsprogramm des Rheingau Musik Festivals!