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Kunst & KulturMusik › Tiefer Blick in die beste aller Welten

Tiefer Blick in die beste aller Welten

Staatstheater Wiesbaden zeigt Leonard Bernsteins Musical „Candide" von Britta Steiner-Rinneberg

08.11.14 || altWIESBADEN (07. November 2014) - „Candide oder der Optimismus", Voltaires 1758 von ausgesprochnem Pessimismus getragener Roman, in dem er gegen Lessings Formel von der „besten aller Welten" zu Felde zieht und sie ad absurdum führt, inspirierte knapp 2oo Jahre später auch den Komponisten Leonard Bernstein zu seiner gleichnamigen „Comic opera".

Zunächst ein großer Reinfall, wurde sie mehrmals umgearbeitet (zuletzt 1989). wird heute als Musical „verkauft" und feierte in der Inszenierung Bernd Mottls am Hessischen Staatstheater erfolgreich Premiere. Auf der Bühne steht ein von Friedrich Eggert opulent ausgestattetes und schmackhaft serviertes buntes Spektakel, das drei Stunden lang das Große Haus mit prallem Leben erfüllt. Am Pult Albert Horne, der das Staatsorchester und den Chor mit hinreißendem Schwung und satten Farben dirigiert und die Solisten zuverlässig begleitet. Der bei der Premiere nicht unwidersprochen gebliebene starke Beifall galt vor allem den brillanten Musikern im Graben und den Sänger-Schauspielern, die sich dem Publikum erstmals vorstellten.

altDas "Autodafe" in Lissabon mit den beiden Gehängten zeigt das Szenenbild

Im Zentrum des revueartig aufgezogen Werks steht der Tenor Aaron Cawley als allzu gutgläubiger, naiver Candide, der sich nach seinem Rausschmiss aus des reichen Onkels Schloss verzweifelt auf die Suche nach seiner verloren gegangenen geliebten Kunigunde macht und um die habe Welt reist. Zunächst als Soldat verdingt, gelangt er in fernste Länder, lernt den Dschungel wie das Paradies, Hunger. Elend und tödliche Krankheiten kennen, erlebt Ausbeutung und Aufstand, Prostitution, ein Erdbeben und die überschäumende Lustigkeit eines zum Volksfest erhobenen Autodafes mit Folter, Galgen und Steinigung und kommt wie durch ein Wunder mit dem Leben davon. Alles Dinge, die ihm von einem allwissenden Lehrer Pangloss in dieser besten aller Welten als sinnvoll und richtig erklärt und deshalb für gut befunden wurden.

Beraubt, geschunden, arm und völlig desillusioniert kehrt Candide nach seiner Odyssee zurück und findet endlich Kunigunde wieder, die inzwischen auch nicht ungeschoren blieb und als Nutte von Hand zu Hand wanderte. Beide haben in dieser „besten aller Welten" die schlimmsten Erfahrungen gemacht und sind zur Einsicht gekommen, dass ganz allein wirkliche Arbeit das menschliche Dasein erträglich machen kann. Sie sehnen sich nach einem bescheidenen, ruhigen Leben mit Häuschen im Grünen, dessen Vorgarten sie vom Morgen bis zum Abend liebevoll hegen und pflegen werden.

altCandide/ Aaron Cawley im Orient. Fotos (2): Staatstheater Wiesbaden/Paul Leclaire

Auf der Bühne steht keine sorglos-heitere Operettenwelt, sondern ein auch vor Grausamkeiten nicht halt machendes, nur scheinfröhliches Panopticum, das Monarchien, Kirchen, Gesellschaft, Handel und Militär gleichermaßen aufs Korn nimmt. Eine düstere Weltschau. für die Bernstein in der Operetten -wie Opernliteratur deutliche Anleihen machte. Sorgenkind blieb ihm „Candide" zeitlebens

Die zuweilen Doppelrollen spielenden Solisten, die sich in Eggerts kunterbunt über die Bühne jagenden Bildern mächtig ins Zeug legen, entzücken das Publikum nicht zuletzt der ebenso fantasievollen wie kostspieligen Kostüme wegen, in die auch Chor und Statisterie gesteckt wurden. Gesanglich, darstellerisch und bewegungsmäßig voll präsent, sorgt die höhensichere Sopranistin Gloria Rehm als herumgeschleuderte Kunigunde mit perlenden Koloraturen für die beste Leistung des Abends Die Titelpartie singt der Tenor Aaron Cowley zwar insgesamt gut, lässt es an der in einem Musical unerlässlichen Darstellung jedoch weitgehend fehlen. Benjamin Russell gibt den hochfahrenden Maximllian. die spielgewandte Victoria Lambourn die Paquette und Romina Roscolo mit kraftvollem Mezzo die Alte Lady. Als einziger aus dem „alten" Ensemble glänzt Wolfgang Vater als das Spiel eröffnender Philosoph Voltaire, der anschließend in die Rolle des allwissenden Doktor Pangloss schlüpft und am Schluss vom Publikum gern wissen möchte, ob es nach allem, was es so miterlebte, vielleicht noch irgendeine Frage habe?

Die kommenden Aufführungen sind am 9. November, 18., 20., 25. und 28. November - Kartentelefon unter 06 11 - 13 23 25