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Kunst & KulturMusik › Kammermusik und Klezmer begeisterten im Kreuzgang

Kammermusik und Klezmer begeisterten im Kreuzgang

Beste Unterhaltung auf der Burg - Französisches Programm in vollen Zügen genossen - Stradivari-Quartett überraschte mit lebhaftem Spiel - Gerhahers entrückt die Hörer in eine andere Welt - Pianistin konnte sich nicht entfalten - RMF Teil VI           von Britta Steiner- Rinneberg

04.08.16 || altKLOSTER EBERBACH/BURG SCHWARZENSTEIN/WIESBADEN/JOHANNISBERG (03. August 2016) -„Klezmer", die ursprünglich als Hochzeitsmusik der askenasischen Juden aus dem osteuropäischen Raum gedachte Musizierweise, die sich innerhalb der letzten Jahre stark weiterentwickelte, bewegt sich nun in einer eigenen Richtung, deren wichtigste Instrumente Geige, Klarinette und Zimbel sind. Im Rheingau Musik Festival war das von dem Schwaben David Orlowsky gegründete Trio mit der Kammerakademie Potsdam zu Gast, das in vielen Konzertsälen zu Hause ist. Im Kreuzgang von Kloster Eberbach fesselten die drei Musiker die gespannt lauschenden Besucher bis in die Nacht hinein mit den ungemein reizvollen Klängen der vom Orchester begleiteten traditionellen jiddischen Folklore.

alt "Symphomic Klezmer" mit dem David Orlowsky-Trio und der Kammerakademie Potsdam

David Orlowsky, Jens Uwe Popp und Florian Dohrmann brachten Janaceks Suite für Streichorchester, Bela Bartoks Rumänische Volkstänze und Ernst Blochs „Vom jüdischen Leben" eindrucksstark zu Ohren. Sie faszinierten vom ersten Ton an und wurden zum Schluss vom begeisterten Publikum, das gern noch mehr gehört hätte, mit großem Applaus gefeiert. „Symphonic Klezmer" gastierte tags darauf auch beim Galakonzert in Burg Schwarzenstein, wo die drei Künstler die Gäste mit einer gekonnten Mischung aus Klezmer und Jazz bei festlichem Essen aufs beste unterhielten.

Capucon mit französischem Programm


Gautier Capucon, ein Sohn rumänischer Einwanderer und zu den führenden Cellisten seiner Generation zählender Künstler, der im Vorjahr zusammen mit seinem Bruder Renaud und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvis Dirigat beim Doppelkonzert von Johannes Brahms im RMF zu erleben war, spielt auf einem Instrument Matteo Goffrilers von 1701. Im Wiesbadener Kurhaus servierte er Faures Suite „Pelleas et Melisande" und Saint - Saens Konzert für Violine und Orchester a-Moll. Die Zuhörer im nahezu ausverkauften Kurhaussaal genossen das durch und durch französische Programm in vollen Zügen.

Gautier Capucon (Violoncello) und das Orchestre Philharmonique de Marseille unter der Leitung von Lawrence Foster

Der mit mehreren ECHO- Klassiks ausgezeichnete Cellist, der überaus erfolgreich mit Valerij Gergiev, Andris Nelson und Christoph Eschenbach, mit dem London Symphonic Orchestra, dem Leipziger Gewandhaus, dem Sydney - und dem Mariinskij- Orchestra zusammen arbeitet, fördert und betreut zudem viel versprechende Begabungen der gleichen Fachrichtung. Mit höchst sensiblem. feinstem Bogenstrich und hoher Konzentration bannte Capucon das große Auditorium, das ihm atemlos zuhörte. Bereits als Fünfjähriger machte der Künstler seine ersten Versuche auf dem Instrument und setzte sich später mit aller Kraft für das Werk Enescus ein.

Mit dem Orchester aus Marseille. das zum erstenmal im Rheingau zu erleben war, bescherte er den Besuchern mit seinem sensitiven Spiel einen faszinierenden Abend im Kurhaus, der den heißen Tag darüber fast ganz vergessen ließ.

Gächinger Kantorei und Stradivari- Konzert


Nach der Mozartnacht in Kreuzgang und Basilika, in der Werke von Haydn, Joseph Kraus und Daniel Dodd zu erleben waren, sowie .nach dem Klavierabend mit Claire Huangsi, in dem die junge Pianistin ein wahres Feuerwerk entfachte und fast zu Tränen rührte, fand in der Basilika ein Konzert der Gächinger Kantorei unter Christoph Rademanns Leitung statt. Mit den Solisten Christina Landshammer, (Sopran), Anke Vondunk (Alt), Sebastian KohIhepp (Tenor) und dem Bassisten Artu Kataja war es von jenem besonderen Glanz überstrahlt, den das Publikum erhofft hatte und dankbar honorierte.

Die "Gächinger Kantorei" in der Basilika von Kloster Eberbach

In Johannisberg war das erstmals hier konzertierende Stradivari-Quartett zu erleben. Xiaoming Wang, Sebastian Bohren, Lech Antonio Uszynski und Maja Weber, die vier engagierten Musiker, die mit zwei Violinen, Cello und Viola von Antonio Stradivari um die halbe Welt reisen und im Rheingau Station machten, überraschten auf ihren besonderen Instrumenten mit lebhaftem Spiel, von denen jedes eine eigene Geschichte hat. Das junge Ensemble, das etwa 30 Auftritte pro Jahr hat und inzwischen ein großes Repertoire erarbeitete, begann in Johannisberg mit Tan Dubs „ Eight Colors", die allerdings nur wenig ansprachen.

Schuberts nach der Pause folgendes Streichquartett G-Dur und Piazzollas „Cuattro Estanciones". fanden weit aufmerksamere Ohren. Im gut besetzten Saal wurden sie dafür mit starkem Beifall der Zuhörer bedankt und kamen um eine Zugabe natürlich nicht herum.

Von Jenseitsgedanken getragen


Nach diesen Darbietungen bildete „Nachtviolen", einen Abend besonderer Art in der Wiesbadener Lutherkirche. Der gefeierte Bariton Christian Gerhaher und der Pianist Gerold Huber, Freund und ständiger Begleiter, fesselten die Zuhörer mit Liedern Franz Schuberts, die von Nacht und Tod handeln. mit Kopfstimme singende Bariton, zelebrierte einen von Abschieds- und Jenseitsgedanken getragenen, tiefgründigen Abend, der das gebannt lauschende Publikum sein tägliches Leben mit Lärm und Getriebe im abgedunkelten Kirchenraum für kurze Zeit total vergessen ließ. Gerhahers entrückt klingende, Stimme verzauberte und tauchte die Hörer in eine andere Welt ein, die für gewöhnlich nicht die ihre ist, zu Andacht zwang und in Gefilde führte, die irgendwann auf einen jeden von uns warten. Nach langen Minuten ergriffenen Schweigens erfüllte starker Beifall des betroffenen Publikums die Kirche.

alt"Nachtviolen" Ausgewählte Lieder von Franz Schubert mit Christian Gerhaher (Bariton) und Gerold Huber (Klavier). Fotos (4):RMF/Ansgar Klostermann

Die Pianistin Helen Grimaud mit dem australischem Jugendorchester


Das Australian Youth Orchestra, das unter Manfred Honecks Leitung und zum ersten Mal mit der Pianistin Helene Grimaud im RMF gastierte, brachte im Kurhaus Ravels heiteres Klavierkonzert G-Dur und Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 1 D-Dur "Der Titan" zu Gehör. Die französische Pianistin, die in den Werken ihres Landsmannes immer wieder Neues entdeckt, das sie hervorheben möchte, kam mit ihrem poetischen Vortrag leider nicht entsprechend zu Gehör: Das sich aus sehr jungen Musikern zusammen setzende Orchester verdrängte ihr hingebungsvolles Spiel und schmälerte bedauerlicherweise sehr stark der Pianistin bekanntlich große Entfaltungskunst.

Im zweiten Teil des Abends stießen die sich mächtig ins Zeug legenden Australier mit Gustav Mahlers Sinfonie, vor allem mit den stark introvertierten Passagen des Finales, allerdings auf große Aufmerksamkeit der Festivalgäste, die mit des Komponisten Musik vertraut sind und daher sehr genau hinhörten.

Von einer erkennbaren musikalischen Entwicklung der Gruppe, die den Besuchern 2013 erstmals begegnete, war in Anbetracht des zu dicken Auftragens leider nicht allzu viel zu verspüren. Was immerhin die Hoffnung lässt, die jungen Musikanten im nächsten Konzert mit größerer Erfahrung und viel mehr französischem Feingefühl feiern zu können