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Kunst & KulturMusik › Gefangen, geschunden und grausam liquidiert

Gefangen, geschunden und grausam liquidiert

Poulencs „Dialogues des Carmelites" erneut im Mainzer Spielplan - Ein Opernabend der im Gedächtnis bleiben wird           von Britta Steiner-Rinneberg

02.11.16 || altMAINZ (01. November 2016) - Im Staatstheater Mainz steht Francis Poulencs nach der Erzählung Gertrud von le Forts verfasste und von Elisabeth Stöppler einstudierte starke Oper „ Les Dialogues des Carmelites" auch für die neue Spielzeit wieder auf dem Plan. Das auf einer historischen Begebenheit basierende und in Dialogform gestaltete Werk spielt zur Zeit der französischen Revolution und berichtet von 16 Nonnen. die in Compiegne hingerichtet wurden.

Ihre Uraufführung erfuhr die Oper 1967 in Mailand. Der Komponist wurde durch die Erlebnisse im besetzten Paris des 2. Weltkrieges zu dieser Glaubensoper angeregt, in der 16 junge Frauen in der nur scheinbaren Geborgenheit eines Klosters Halt und Hilfe zu finden hoffen, aber an Leib und Seele gedemütigt und geschunden grausam in den Tod gehen müssen.

Blanche, ein durch den Tod der bei ihrer Geburt verstorbenen, nie gekannten Mutter schwer traumatisiertes junges Mädchen, sucht in der Abgeschiedenheit eines Klosters innere Ruhe zu finden und mit Hilfe dieser Flucht die sie erdrückende Lebensangst zu überwinden. Als es ihr nicht gelingt, dem dort auf sie zu kommenden neuen Druck standzuhalten, kehrt sie verzweifelt nach Hause zurück, findet das Elternhaus jedoch verwüstet und den Vater ermordet. Mutter Marie, die Subpriorin des Klosters, eilt ihr nach und holt sie zurück, damit Blanche in der Gemeinschaft der anderen zu Gott und wieder zu sich selbst finden soll.

altDas Bild aus der Mainzer Aufführung der Oper „Dialogues des Carmélites" zeigt die Hauptdarstellerin Blanche de la Force im Vordergrund vor ihren toten Ordensschwestern. Foto (1): Staatstheater Mainz/Andreas Etter

Ihr tägliches Mitansehen müssen des qualvollen Sterbens der sich mit aller Kraft gegen den Tod wehrenden alten Äbtissin, bei der Blanche so etwas wie mütterliche Nähe und Liebe verspürte, die sie nie erlebte, bannt und bereichert sie zugleich. Der Versuch ihres Bruders, sie mit sich zu nehmen und in Sicherheit zu bringen, schlägt trotz kurzen Zögerns fehl. Blanche bleibt. Aber die wachsende Gewissheit, von hier irgendwann den Weg zum Schafott gehen zu müssen, von dem es kein Zurück mehr gibt. lässt sie irgendwann die Nerven verlieren. Sie steht am Ende abseits und allein, als die anderen singend in den Tod gehen.

Der Konvent (Annika Haller) ist in Mainz ein abstoßend hässlicher, gefängnisartiger Ort, in dem sich die Vorbereitung der Novizen auf das unausweichliche Ende vollzieht. Die Szenen, in denen Rezitative und Arien einander abwechseln und die seelische Verfassung der 16 in den Tod gehenden Frauen miterleben lassen, gehen ins Mark. Mehr noch die erschütternde Schluss-Szene mit dem schneidend-scharfen Niedersausen des Fallbeils, das die Zuschauer erschauert..

Poulencs packende Musik spiegelt den Druck der Außenwelt wieder, der diese Frauen zu entfliehen suchen, ebenso den vermeintlichen Schutz von Klostermauern, der in den Dialogen die Drangsal der Frauen erkennen lässt. Deren seelische Not und tiefschwarze Nacht, die alle erfasst, teilt sich in Mainz auch den Zuschauern mit. Der nur langsam anhebende Applaus galt vor allem der Halt und Schutz suchenden Vida Mikneviciute als traumatisierter Blanche, die mit lichter Höhe und schroffen Ausbrüchen vergeblich nach dem eigentlichen Sinn ihres Lebens sucht. Als Mutter Marie und Subpriorin überzeugt Linda Sommerhage, als kranke und qualvoll sterbende alte Priorin Gudrun Pelker und Dorin Rahardja als befreundete Klosterschwester Constance.

Hervorragend der von Fernandez-Laverny dirigierte Herrenchor mit Extrachor des Staatstheaters und das unter GMD Herrmann Bäumers suggestiver Leitung die Dialoge begleitende Staatsorchester, das den verstörenden Inhalt von Poulencs Oper dramatisch zu Gehör bringt, Die offenkundig stark berührten Zuhörer dankten erst nach längerem Zögern für einen starken Opernabend, der im Gedächtnis bleiben wird.

Nächste Aufführung am 9. November - Karten über Telefon 06131 - 28 51 222