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Kunst & KulturMusik › Leidensweg eines schwierigen Charakters

Leidensweg eines schwierigen Charakters

Philipp Krenn inszeniert Benjamin Brittens Psychodrama „Peter Grimes" von Britta Steiner-Rinneberg

09.02.17 || altWIESBADEN (08. Februar 2017) - Nach langer Pause steht Benjamin Brittens 1945 in London uraufgeführte Oper „Peter Grimes" endlich mal wieder auf dem Spielplan: Das Psychodrama eines schwer traumatisierten Menschen, der an unbewältigten Kindheits-Erinnerungen leidet, deren quälende Folgen nicht los werden kann und daran zugrunde geht. Phillipp Krenn machte die Zuschauer auf bannende Weise mit dem zerrissenen Seelenleben eines Fischers bekannt, das ihn an keine Zukunft, sondern nur an das Ende denken lässt.

Rolf Glittenberg schuf das mehr und mehr in Schieflage geratende Bühnenbild : Eine kahle, helle Kammer mit Bett, Schrank und Tisch als Heimstatt des Psychopathen, der keinen Ausweg aus seinem Dilemma sieht. Obgleich Ellen Oxford, die den Außenseiter liebende und betreuende Lehrerin, ihm zu einem geordneten Leben verhelfen möchte, geht Grimes, der nirgends einen Lichtblick sieht, zugrunde. Auch Balstrode, ein ihm wohlwollender ehemaliger Kapitän, der ihm nahe legt, den Ort, in dem ihm allein Misstrauen und Aversion begegnen. zu verlassen und anderswo sein Glück zu suchen, trifft auf taube Ohren: Obgleich der Tod eines zweiten, die Dörfler in Aufruhr versetzende Tod eines Schiffsjungen, Grimes wie ein Alptraum belastet. Der eigene Tod erscheint ihm als einziger Ausweg aus einem verfahrenen Leben, dessen Bewältigung er nicht gewachsen ist.

alt„Peter Grimes" mit Peter Grimes/ Lance Ryan. Foto: Staatstheater Wiesbaden/Karl und Monika Forster

Es ist der aussichtslose Kampf eines Angeschlagenen gegen eine geballte Masse, der er unterliegen muss: Das Psychogramm eines Zerrissenen und Verzweifelten, der beim Blick in den Spiegel vergeblich nach seinem wahren Ich sucht und es nicht finden kann. Ein Alptraum, in dem ein beschädigter Einzelgänger und eine verschworene Dorfgemeinschaft verständnislos aufeinander prallen. Ihr gellender Schrei „Grimes! Grimes!" hallt noch lange in den Ohren. Balstrodes und der Lehrerin angebotene Hilfe geht ins Leere: Das Dorf steht beharrlich wie eine Mauer vor seinem „Opfer".

Glittenberg schuf für die konträren Bühnenbilder eine im Raum schwebende Kammer mit Grimes` zerwühltem Bett und eine schäbige Wirtschaft mit rabiaten, trunkenen Fischern, die ihn mitleidlos verfolgen. Der sich vergeblich nach einem schuldfreien Leben sehnende, ebenso glück- wie hilflose Fischer und der von Albert Horne dirigierte Riesenchor des Hessischen Staatstheaters wurden vom begeisterten Publikum zu recht mit frenetischem Applaus gefeiert.

Benjamin Brittens dunkles Stück um den verdächtigten Einzelgänger wird in Wiesbaden als Leidensdrama gegeben, für das Regisseur Philipp Krenn in dem kanadischen Heldentenor Lance Ryan einen großartigen Sängerdarsteller fand, der mit wunderbaren Lyrismen gerade das Gespaltene, das Leidende und Schwierige von Grimes ` Charakter eindrucksstark und bezwingend zum Ausdruck bringt.

Die Sopranistin Johanni van Oostrum singt mit starkem Ausdruck die Lehrerin Ellen Oxford, die um ihr Lebensglück gebracht wird, Thomas de Vries den wohlmeinenden, sorgenden Kapitän Balstrode und Benjamin Russell einen markanten Swallow.

Glänzend das unter Hornes Leitung in vielen Farben und Facetten prangende Orchester des Hessischen Staatstheaters, das Brittens „Erstling" nach langer, langer Zeit wieder einmal auf der Bühne erleben lässt. Eine auf Wellen und Meer zwar gänzlich verzichtende, dafür unglaublich dichte Inszenierung, die Grimes` Seelenleben in fast greifbare Nähe rückt und vom begeisterten Publikum mit langem Beifall für den Startenor und den großartig singenden und agierenden Chor bedankt wurde.

Die nächsten Aufführungen sind am 12., 16., 18. und 26. Februar. Kartentelefon 0 62 21 - 13 23 29