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O, welche Trauer und Pein

Martin Lutz führte mit der Schiersteiner Kantorei in der Marktkirche Antonin Dvoraks „Stabat mater" auf von Britta Steiner-Rinneberg

31.03.17 || altWIESBADEN (30. März 2017) - Antonin Dvoraks spätromantisches Oratorium „Stabat mater", dem ein mittelalterlicher Text zugrunde liegt, wurde zur Passionszeit in der Wiesbadener Marktkirche aufgeführt. Ein unverzichtbarer Beitrag! Er bezeugte im voll besetzten Gotteshaus erneut, dass kaum ein Besucher in dieser Zeit den beklemmenden Text um das Leid der schwer geprüften Gottesmutter missen möchte und wie selbstverständlich den Weg ins Gotteshaus fand.

Was die für das Oratorium erheblich aufgestockte Schiersteiner Kantorei. das Bach-Ensemble Wiesbaden und die vier Gesangssolisten ebenso machtvoll wie schwebend unter ihrem Leiter Martin Lutz zum Ausdruck brachten und die gebannten Zuhörer vom ersten bis zum letzten Ton berührte und fesselte, war eine Konzertabend größter Eindringlichkeit und Ausdrucksstärke, der kaum Wünsche offen ließ. Wohl kein Zuhörer hätte „Stabat mater" entbehren mögen. Viele teilten oder verstanden das harte Los einer Mutter, die Leiden und Sterben eines geliebten Sohnes hilflos mit ansehen muss und trotz ihrer Verzweiflung täglich bangt und hofft.

Die Schiersteiner Kantorei bei einer ihrer früheren Auftritte in der Wiesbadener Marktkirche.Foto: RMTON-Magazin Archiv/Christian Richter

Die schwere Zeit nach dem Tod seiner drei Kinder dürften für Antonin Dvorak wohl der Anlass gewesen sein, sich zur Klage eines Vaters um den unersetzlichen Verlust zu erheben. 130 Jahre nach der Uraufführung des Werks über musikalische Trauerarbeit berührt es in einer Welt voller Verluste, voller Friedlosigkeit und Tod kein bisschen weniger als damals. Sowohl in der zentralen Rolle des Chors als auch in den Partien der vier Solisten sind den Sängern hier nicht leichte Aufgaben gestellt, die den Schmerz im Zentrum haben und uns heute genauso berührt wie die damaligen Zuhörer.

Im Mittelpunkt von Dvoraks 188o geschaffenem Werk steht die Gottesmutter Maria und ihr Versuch, dem maßlosen Leid gefasst zu begegnen. Doch die unbeantworteten Fragen bleiben bis heute ungelöst. Immerhin gelang der Schiersteiner Kantorei ein bewegender Beitrag, der die Hörer nachzudenken und innerlich mitzugehen zwang, was gerade in der Passionszeit auf fruchtbaren Boden fallen musste. Eine Passion, in der außer den von Martin Lutz aufs Sorgsamste einstudierten, mahnenden, gewaltigen Chören auch die Solisten wichtigen Anteil hatten: Die Sopranistin Silke Evers, die Altistin Melinda Paulsen, der Tenor Sung Min Song (Tenor) und der hier seit langem bestens bekannte Bassist Hans Christian Begemann.

altProf. Martin Lutz. Foto: C. Neuheller

Alle vier wurden der medidativen Auseinandersetzung, die das Leiden der Gottesmutter mit dem Kreuzigungstod des Sohnes zum Thema hat, überzeugend gerecht. Der Komponist hat sowohl Orchester als Chor, dem er die zentrale Rolle zuweist und die Solisten vor die Aufgabe gestellt, den Schmerz der gepeinigten Mutter als menschliche Regung und Pein aufzuzeigen, die alle angeht, Dvorak verzichtete auf jegliche opernhafte Gestik und setzte umso stärker auf mitmenschliches Denken und Fühlen und auf Innigkeit der Worte, die an keinem vorbei gingen.

Grandios die von Martin Lutz perfekt einstudierten und geleiteten, sensibel reagierenden großen Chöre, die mit ihrer Eindringlichkeit den Abend trugen. Nach einigen Minuten innerer Betroffenheit war der große Kirchenraum dann von anhaltend-starkem Beifall für die exzellenten Choristen, die vier Solisten, das Bach-Ensemble und nicht zuletzt für Lutz, den alle Fäden sicher in der Hand haltenden, scheidenden Dirigenten.