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Kunst & KulturMusik › „Ich erklär Dir nicht die Welt“ - Rote Rose überm Herz und Spott in der Kehle

„Ich erklär Dir nicht die Welt“ - Rote Rose überm Herz und Spott in der Kehle

Rheingau Musik Festival: Miroslav Nemec mit seinem Programm „Nemec`Platz - bitte!" - Bidla Buh mit „Mehr geht nicht"           von Ingeborg Fischer und Karl-Heinz Stier

16.08.17 || altRAUENTHAL/ BAIKEN (15. August 2017) - Für die meisten Menschen ist er als Fernsehstar - pardon als Tatort Kommissar Ivo Batic mit seinem Münchner Ermittlerkollegen Leitmayr - bekannt. Aber Miroslav Nemec ist auch ein begabter Musiker. Er studierte Musik mit Schwerpunkt klassisches Klavier in Salzburg, bevor er sich der Schauspielkunst zuwandte.

Erstmals hatte er beim Rheingau Musik Festival sein Debut am Flügel und mit seiner Gitarre. Er deklamiert, rezitiert, interpretiert, singt, spielt und moderiert und überrascht mit Gedichten und Texten. All das garniert er mit eigenen kongenialen Vertonungen, holt sich musikalische Unterstützung aber auch von Georg Kreisler, Arik Bauer, Wolfgang Ambros und Rio Reiser.

Tage später wurden die großen Erwartungen der Fangemeinde an die drei Hamburger Musik-Comedians „Bidla Buh" und wieder in der Staatsdomäne Rauenthal „im Baiken" gleich zu Beginn des Programms erfüllt. Mit fetzigem Rock´n Roll, im Outfit der 20er/30er Jahre mit Frack und roter Blume im Knopfloch, brachten sie das Publikum im Zelt sofort zum Jubeln und Applaudieren.

altNemec - der Musiker

Beim Wienerischen haperte es „e bisserl" bei Nemec


Im Gutsausschank im Baiken eröffnete Nemec mit dem Song von Rio Reiser „Unten am Ufer - Ich erklär Dir nicht die Welt" und huldigte in seiner Hommage an Ernst Jandl mit seiner experimentellen Lyrik und H. C. Artmann, dem surrealistischen Lyriker, den beiden österreichischen Dichtern. Jandls „Otto´s Mops trotzt..." und „Fliegn möchte ich halt können ohne Maschinerie" erfreute das Publikum. Leider traf Nemec den Wienerischen Ton nicht so ganz, seine Rezitationen klangen nicht wirklich authentisch wienerisch.

Aber das tat der Vorstellung keinen Abbruch. Und bei dem Liedvortrag „Gib mir Deine Hand, dass ich glaub, ich hab ein kleines Vögerl drin..." zog zum Entzücken der Gäste - welch reizender Zufall - unterm Domänenzelt ein kleiner Vogel seine Kreise. Zum Glück fand er dann den Ausgang in die verregnete Nacht.

Unter der Einbeziehung von Max Frisch, Puschkin und auch Bert Brecht vermittelte der Künstler, was man mit Sprache alles machen kann.

altNemec rezitiert Gedichte und tiefsinnige Texte

Auch wenn keine ganz klare Linie in Nemecs Programm auszumachen war: Nach der Pause wurde es bunter, leidenschaftlicher. Begleitet von dem Pianisten Christoph Weber - musikalischer Leiter am Thalia Theater Hamburg und Begleiter am Klavier bei vielen Liedprogrammen - nahm die Vorstellung Fahrt auf. Nach einem Ausflug ins Jiddische begeisterten Nemec und Weber mit dem Song „In der Bar zum Krokodil" von Max Raabe.

Derbes - Einfühlsames - Fröhliches


Beim Couplet vom „Pfaffenarschgesicht" amüsierte er und dann tobte er wütend auf der Bühne mit dem Lied über das Verlassenwerden von seiner Frau. Manches war derb, anderes ungeheuer zart. Erich Kästners Gedichte über das Ende einer Liebe „Sachliche Beziehung" und „Repetition eines Gefühls" (- denn die Herzen lagen auf den Gleisen über die der Zug ins Allgäu fuhr-) vertont und so einfühlsam von Miroslav Nemec vorgetragen, dass man traurig wurde.

Fröhlich wurde es noch einmal zum Schluss: Franz Beckenbauers frühes - damals etwas hilflos gesungenes Lied „Gute Freunde kann niemand trennen" veränderte er so, dass es fast klamaukartig wurde, und mit dem „Tatortsong" über Krimis, Kommissare und Co. vervollständigte er seine künstlerische Leidenschaften auf Bühne und im Fernsehen.

Uns als Autoren dieser Replik und Familienväter oder -mütter hat er folgendes mit Bertold Brecht auf den Weg gegeben:

„Pfingsten sind die Geschenke am geringsten,
während die Geschenke Ostern, Geburtstag und Weihnachten
etwas einbrachten".

Der Weg nach Rauenthal zum Rheingauer Musik Festival und Miroslav Nemec hat sich gelohnt.

„Bidla Buh" Comedians gaben instrumentale körperliche Höchstleistungen

Mit rotem Schal (Hans Torge Bollert), Zylinder (Ole Klindwort) und umgekehrter Schiebermütze (Jan-Frederick Behrend - meist am Schlagzeug) bezogen die drei Hamburger Musik-Comedians „Bidla Buh" sofort einen Günther und eine Gisela unter den Zuschauern mit ein in ihr Programm und scheuten sich auch nicht, auf Kosten der Beiden das Publikum zum Johlen zu bringen. Und wie bei einer Fassenachts-Sitzung mussten sie aufstehen, mittun und sie taten es bereitwillig. Ein etwas anzüglicher Text über einen Schlüpfer tat sein Übriges.

Dann erstes High-Light des Abends im Baiken. Torge pfiff von „Hoch auf dem gelben Wagen" bis zu „Kleine Nachtmusik von Mozart" derart atemberaubend gut und spannte einen weiten Bogen durch die Musikwelt, dass Ilse Werner sicher neidisch hätte werden müssen. Chapeau!

altBidla Buh präsentiert ungewohnte musikalische Virtuosität

Während Ole zunächst mit Angela-Merkel-Raute abwartend dastand, gingen die Comedians dann über zu einer körperlichen Höchstleistung. Blasebälge, die mit dem Po auf und niedergedrückt wurden, brachten sie mit 3 Melodica- Instrumente zum Klingen und die Frackträger ins Schwitzen. Es war außerordentlich erstaunlich, wie ideenreich die drei begeisternden Musiker sind und was sie alles zu Tönen bringen können - mit einer Mischung aus musikalischer Virtuosität und großer Stilvielfalt.

Schlagzeuger Frederick zeigte sich als Meister am Xylophon, sogar mit 4 Anschlagstöcken. Da war Geschwindigkeit keine Hexerei! Als Fußballfans bliesen sie Fanmelodien auf Bierflaschen und auf der Gitarre spielten alle Drei zweihändig! Glöckchen an der Kleidung klingelten und brachten Melodien zustande allein durch Körperbewegungen, bunte Plastikrohre erzeugten Wohltönendes, Miniflügel und Gitarre kamen zum Einsatz, und sogar bunte Party-Plastik-Becher konnten Rhythmus und Tonfolgen zum Mitklatschen hervorbringen.

alt„Schlaf, Kindchen schlaf ein" - Gesänge

Reizend der Gesangsvortrag mit Kinderliedern, aber auch da witzig und ein wenig satirisch. Manche Kleinkinder hätten dabei möglicherweise das Fürchten gelernt.

Unter dem Motto „Für eine allein bin ich viel zu schade.." zeigte Hans Torge Bollert - übrigens auch ein begabter Sänger - sein großes Können auf Blasinstrumenten: mit einem Parforce-Horn, mit der Klassik-Trompete und einer Liebeserklärung, dem Aida-Triumph-Marsch und Cancan, einer rosa Jazz-Trompete, auf der er die „Rosarote Panther-Melodie" blies, mit einer Barock-Trompete und Holzhackerjodler, mit einer weißen Sopran-Posaune, die jammerte und schluchzte, einer Rauch speienden Hard-Rock-Trompete, und dann...blies er den Hochzeitsmarsch „Treulich geführt" auf einem Gartenschlauch.

altEiner der verblüffenden musikalischen Variationen: Pappröhren dienten als Ersatz - und Schlaginstrumente. Fotos (5): RMF/Ansgar Klostermann

Hohes Niveau amüsant, verblüffend und musikalisch gut verpackt


Jan-Frederick Behrend, meist mit unbeteiligtem todernstem Gesichtsausdruck, legte an seinem Schlagzeug einen wilden Solo hin, er war außer Rand und Band und das Publikum auch!

Zuweilen kam eine „der Rheingau wie er Singt und Lacht-Stimmung" auf und man sang sogar gemeinsam ein plattdeutsches Lied. Das Zelt kochte!

Fazit des Abends: es ist unbestritten festzustellen, dass die drei Hanseaten Musiker auf höchstem Niveau sind, mit kurzweiligen Moderationen amüsierten und verblüffende musikalische Variationen aufspielten. Seit zwanzig Jahren spielen sie nun zusammen, wurden auch schon mit dem Rheingau Musik Preis ausgezeichnet Unsere frühere Skepsis war verflogen. Begeisternde Musiker hatten einen wahrlich unterhaltsamen Abend geboten.