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Kunst & KulturMusik › Die Karten werden wieder gemischt - Im zweiten Jahr noch runder, dynamischer, furioser

Die Karten werden wieder gemischt - Im zweiten Jahr noch runder, dynamischer, furioser

Impressionen rund um „Carmen" und die Bregenzer Seebühne - Gaélle Arquez in der Titelrolle als Carmen war der absolute Star des Abends           von Karl-Heinz Stier und Ingeborg Fischer

18.08.18 || altBREGENZ (17. August 2018) - Die Premiere im vorigen Jahr war verregnet, was aber der Aufführung von „Carmen" auf der Seebühne keinen Abbruch tat. Zwar prasselte der Regen eine volle Stunde auf die 7.000 Zuschauer auf der Tribüne nieder, aber Carmen, Don José und Escamillo begeisterten trotzdem. Gespannt warten wir auf den diesjährigen Premierenabend - und der konnte angenehmer nicht sein. Der Himmel und der Bodensee waren blitzblau, und sommerlich gekleidete Festspiel-Besucher füllten bei guter Laune nach und nach das Gelände vor der Seebühne, um einen Hugo oder Aperol Spritz zu genießen. Einige Damen hatten es sich denn doch nicht nehmen lassen, im kleinen Schwarzen, sogar in langer Abendrobe oder in Blusen im Carmen-Look zu erscheinen. Eine besonders nette, mutige sehr ältere Dame trug mit großer Anmut ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Girls can do anything".

Die stets glimmende Zigarette auf der linken Hand des Bühnenbildes

Um Festspielluft zu schnuppern waren auch einige Radfahrer, Inline-Skate-Roller oder Spaziergänger gekommen, um ein wenig am Ereignis der zweiten Premiere teilnehmen zu können. Auch eine Gruppe behinderter Menschen in Rollstühlen wurden zum Event geschoben. Es sirrte und schwirrte, summte und brummte rund um den Eingang in froher Erwartung.

Um 21.15 Uhr war es so weit. Die Sonne ging langsam unter, der Abend war dennoch mild, alle Schiffe hatten angelegt und frohgemute Besucher ausgeladen. Das Bühnenbild mit den beiden Armen, die aus dem Wasser ragen mit Karten mischenden Händen, die eine brennende Zigarette halten, von der der Rauch in die Luft steigt, war das Vorspiel für die Opernbesucher. Ein Blesshuhn nistete zwischen den überdimensionalen Karten, war auch kurz zu sehen, stieß ein paar empörte Schreie aus und ließ sich ansonsten nicht weiter stören von Gesang, Musik, Stuntmen und Beleuchtung.

Antonio Fogliani mit den Wiener Symphonikern startete mit den ersten Takten der Bizet-Oper. Der Kinderchor einer Bregenzer Schule erschien auf der Bühne und eröffnete mit seinen fröhlichen Stimmen die Aufführung. In seiner Mitte Lea Gratzer als kleine Carmen - stolz - einsam - zornig!

Die Hauptdarstellerin Gaelle Aquarez in ihrer Carmen-Rolle Foto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster

Das Spiel konnte beginnen. Die Inszenierung von Kasper Holten erscheint im zweiten Jahr noch runder, dynamischer, furioser . Und Gaélle Arquez in der Titelrolle war der absolute Star des Abends. Sie sieht nicht nur fantastisch aus, sondern beherrscht mit ihrem Mezzosopran die Szene ohne Fehl und Tadel. Carmens Leidenschaft, Freiheitsdrang, erotischen Reiz brachte sie von der Seebühne sofort bis auf die Zuschauerränge. Ihre Habanera vom „wilden Vogel der Liebe" im ersten Akt war atemberaubend.

Daniel Johansson als einfacher Soldat Don José, der Carmen verfällt und sie schließlich töten wird, meisterte seine Rolle ebenfalls, auch wenn Carmen-Gaélle alles überstrahlte. Kostas Smoriginas als Escamillo hat dann im zweiten Akt seinen großen Auftritt mit dem Ohrwurm „Toreador en garde", und wirkte als die Szene beherrschender Mann durchaus überzeugend - nur stimmlich nicht so ganz.

Die 7.000 Zuschauer-Seebühne der Bregenzer Festspiele Fotos (2): Karl-Heinz Stier

Eine zarte, berührende Micaéla verkörperte Cristina Pasarolu, die als Botin Don José Grüße seiner Mutter überbringt und auf seine Liebe hofft. Gesanglich war die Partie so fein und vollkommen, wie man es sich nur wünschen kann. Das gesamte Ensemble war in Hochform, die Kulissen verblüfften ein ums andere Mal. Wenn durch technische Raffinessen die Karten ständig andere Bilder zeigen - sogar den Tod - erahnt man die Zigarettenfabrik, Lillas Pastia, die Schmugglerhöhle und zum Schluss gar die Stierkampfarena.

Erstaunlich ist besonders, wie Antonio Fogliani, der seine Symphoniker im Festspielhaus dirigiert, mit dem Orchester die Verbindung zur Bühne und die Sänger so scheinbar problemlos herstellt und hält. Chapeau!

Wir erlebten zum zweiten Mal eine Carmen-Inszenierung am Seeufer mit hervorragenden Sängerinnen und Sängern, Tänzern, Stuntmen und überraschenden Sequenzen. Allerdings - dass Carmen ertränkt und nicht erstochen wird - daran können wir uns einfach nicht gewöhnen. Dass Gaélle Aquarez in dieser entscheidenden Szene nicht gedoubelt , sondern angetan mit einem prächtigen üppigen, faltenreichen Gewand ins Bodenseewasser gezwungen wird, verlangt ihr wahrlich einiges ab.

Am begeisterten Schlussapplaus konnten wir leider nicht teilnehmen, obwohl wir sehr gerne „Bravo" gerufen und lang anhaltend geklatscht hätten. Wir hätten sonst unseren letzten zu kurz angesetzten Zug nach Lindau verpasst. Und der Weg zum Bahnsteig ist ohne Aufzug etwas beschwerlich.

2019 und 2020 wird „Rigoletto" erstmals auf der Seebühne sein


Die Widerspenstigkeit der Liebe besingt Carmen an diesem Wochenende zum letzten Mal auf der Seebühne nach 25 Aufführungen. Gestartet war die Inszenierung auf der Seebühne im vergangenen Jahr. Die Inszenierungen auf der Seebühne wechseln alle zwei Jahre, so fand bei besten Wetterverhältnissen und guten Besucherzahlen die zweite Auflage der Carmen, die Oper in vier Akten schrieb Georges Bizet 1875 und dauert ohne Pause 135 Minuten. Die Karten waren schon Wochen vor der Premiere am 19. Juli vergriffen und bald ist auch der Kartenvorverkauf für die kommenden Festspiele im Vorverkauf sein. Erstmals wird die Seebühne der Bregenzer Festspiele in den Sommern 2019 und 2020 für Guiseppe Verdis Oper „Rigoletto" (ital. „Spaßmacherlein") als Spiel freigegeben.