Banner
 

RheinMainTaunus

OnlineMagazin

VermischtesGesellschaft › Frankfurt gedenkt der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahre

Frankfurt gedenkt der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahre

Eine Nachdenkliche Rede des OB - Kirchendezernent gedenkt mit Überlebenden und Opfern          von Ralph Delhees

27.01.15 || FRANKFURT (27. Januar 2015) - Im Stillen und auch Öffentlich gedachten heute die Menschen in Europa an die Opfer des Holocaust. Vom Grauen der Vernichtungslager berichteten heute Überlebende bei der Gedenkfeier im Vernichtungs- und Konzentrationslager von Auschwitz. Hier waren 7.000 der Überlebende am 27. Mai 1945 von der Roten Armee befreit worden. 300 der noch lebenden kamen heute, wahrscheinlich zum letzten Mal, an die Stätte des „Unwirklichen". Rund 40 Staatsmänner und Würdenträger waren gekommen um den rund 300 Überlebenden bei der Gedenkveranstaltung ihre Reverenz zu erweisen. Die Flaggen standen heute an den öffentlichen Gebäuden im ganzen Land auf Halbmast.

Der 27. Januar ist der Jahrestag der Befreiung der Vernichtungs- und Konzentrationslager von Auschwitz. „Das Gedenken an die Millionen ermordeter Menschen ist für eine demokratische, den Menschenrechten verpflichtete Gesellschaft unabdingbar. Die Erinnerung an die Schoah und den Weg dorthin müssen wir wach halten", so Oberbürgermeister Peter Feldmann heute in der Paulskirche. Kurz nach der Gedenkfeier fand eine weitere mit Kirchendezernent Becke mit Überlebenden des Holocaust und Opfer des Nationalsozialismus im Pflegeheim der Henry und Emma Budge-Stiftung statt. Eine weitere Gedenkveranstaltung organisierte die Evangelische Studierendengemeinde und die Katholische Hochschulgemeinde an der Goethe-Universität in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum im Spenerhaus in der Dominikanergasse.

Feldmann: „Wir sind verantwortlich für unsere Taten, wie wir verantwortlich sind für unser Nichtstun"


Der Oberbürgermeister nennt es in diesem Zusammenhang eine „kaum zu ertragende Schande, wenn Menschen jüdischen Glaubens und jüdische Schulen dauerhaft bewacht werden müssen, weil sie Drohungen und Hass ausgesetzt sind. Der Antisemitismus ist leider nicht aus unserer Gesellschaft verschwunden. Das Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ist für uns zugleich ein klarer Handlungsauftrag für die Zukunft: Nieder wieder dürfen Jene Kräfte an die Macht kommen, die dies ins Werk setzten. Die Erfahrung des Nationalsozialismus muss uns immun machen gegen Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Wir in Frankfurt müssen dagegen zusammenstehen, wenn gegen Minderheiten gehetzt, wenn Sündenböcke gesucht und wenn zum Rassenhass aufgerufen wird. Primo Levi, ein Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz hat einmal gesagt: 'Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.' Alle demokratischen Kräfte, die Zivilgesellschaft, der Staat, jeder Einzelne ist aufgerufen, dies zu verhindern. Wir alle müssen begreifen: Unser Rechtsstaat, unsere Gesellschaft, unsere Demokratie, das sind wir alle, wir können unsere Verantwortung an niemanden delegieren. Das Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erinnert uns daran: Wir sind verantwortlich für unsere Taten, wie wir verantwortlich sind für unser Nichtstun", so Peter Feldmann.

altDie heutige Rede von Oberbürgermeister Peter Feldmann zum Gedenken der Befreiung des Konzentrationslagers


„Heute vor 70 Jahren befreite die sowjetische Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Im Lager fanden die sowjetischen Soldaten nur noch 7.600 Überlebende vor, von denen viele in den folgenden Tagen, Wochen entkräftet, todkrank noch sterben sollten.

In den Magazinen von Auschwitz fanden die Befreier unvorstellbare Mengen an Raubgut: 843.000 Herrenanzüge, 837.000 Damenmäntel und - kleider, 44.000 Paar Schuhe, 14.000 Teppiche und 7,7 Tonnen menschliches Haar. Schockierende Zeugnisse einer bis dahin unvorstellbaren Mord - und Raubfabrik. Auschwitz ist nach 1945 zum Synonym des Massenmordes an den europäischen Juden geworden.

Es war das größte Konzentrations - und Vernichtungslager im Deutschen Herrschaftsbereich mit seinen insgesamt 2.000 Lagern. Zum Symbol wurde es vor allem durch die fabrikmäßig wirkende Ausplünderung und Ermordung von hunderttausenden aus ganz Europa nach Auschwitz verschleppten Jüdinnen und Juden.

Insgesamt kamen über eine Million jüdischer Kinder, Frauen und Männer in den Gaskammern ums Leben. Aber nicht nur Jüdinnen und Juden wurden in Auschwitz ermordet und zu Tode gebracht. Ebenso Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, politisch Verfolgte aus Polen, zahlreichen anderen Ländern, die unter deutsche Herrschaft geraten waren. Sie alle wurden Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

Die Gefangenen wurden auf grausamste Weise zu Tode gebracht: in Gaskammern und durch Medizinische Experimente. Sie erlitten brutale Zwangsarbeit, Hunger, Typhus, andere Krankheiten, Folter und Terror. Der teuflische Einfallsreichtum der Täter kannte keine Grenzen. Noch wenige Tage vor der Befreiung hatte die SS 58.000 Häftlinge auf einen Todesmarsch getrieben.

In den letzten Kriegsmonaten versuchten die NS - Täter die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen, den noch - trotz des verlorenen Krieges - Ihr mörderisches Ziel, die Vernichtung aller Juden zu erreichen.

Auch aus Frankfurt wurden die letzten Juden, die als Ehepartner oder Kinder in sogenannten Mischehen in Frankfurt überlebt hatten , noch im Februar 1945 , wenige Wochen bevor die Amerikaner die Stadt befreiten , nach Theresienstadt deportiert. Auch diese Deportation von 302 Kindern, Frauen und Männer fand vom Gelände der Großmarkthalle aus statt.

70 Jahre nach Kriegsende ist es von großer Bedeutung für unsere Stadt, dass wir in diesem Gedenkjahr auch die Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle eröffnen können.

Für fast 10.000 Frankfurter begann hier mitten in unserer Stadt der Weg, der in die Ghettos, die Konzentrations -, Vernichtungslager und eben auch nach Auschwitz führte.

Es dauerte - und das bleibt ein weiteres beschämendes Kapitel der Stadtgeschichte - nach dem Ende des Krieges Jahrzehnte, bis die Stadt Frankfurt angemessene Formen der Erinnerung, des Gedenkens für die Opfer der Deportationen fand.

Der letzte Akt der Vernichtungspolitik hatte sich zwar in den Lagern im Osten vollzogen, aber der Terror, die Diskriminierungen, Entrechtung, die Arisierung des Eigentums, die alltäglichen Schikanen, schließlich die Verschleppung kannte viele Täter und Begünstigte. Auf die Wohnungen der Deportierten erhoben so genannte „treue Volksgenossen" schon vor den Verschleppungen Ansprüche.

In der Erinnerung an Auschwitz ist es zwingend danach zu fragen, wo der Weg in die Vernichtung begann. Auschwitz lag zwar in Polen, aber es ist und bleibt eine deutsche Erfindung, der Endpunkt eines Weges, der in den deutschen Städten begann.

1996 hat Bundespräsident Roman Herzog den Tag der Befreiung von Auschwitz zu einem bundesweiten Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt. Die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth hat sehr prägnant die schmerzliche Notwendigkeit dieses Gedenkens aufgezeigt:

Ich zitiere:

"Erinnern tut weh. Es löst Entsetzen aus und lässt uns verstummen und aufschreien zugleich. Sich den bedrückendsten Wahrheiten unserer Geschichte zu stellen, ist unverzichtbar. Dazu verpflichten uns die Opfer, ihre Angehörigen und Nachkommen. Aber es ist auch für uns selbst notwendig, damit wir den unauflöslichen Zusammenhang von Erinnerungs - und Zukunftsfähigkeit begreifen."

Wie notwendig dieses Gedenken an Auschwitz ist, haben uns auf erschreckende Weise die Anschläge in Paris vor Augen geführt, als vier Menschen ermordet wurden, nur weil sie Juden waren, zufällig in einem Supermarkt Lebensmittel einkaufen wollten. Jüdische Schulen müssen von der Polizei bewacht werden.

Erinnerung an Auschwitz dient in diesem Zusammenhang auch der Bekämpfung des Antisemitismus, Rassismus in der Gegenwart. Darin sah auch Fritz Bauer eine wesentliche Aufgabe des von ihm initiierten Prozesses in Frankfurt, in dem erstmals umfassend vor einer breiten Öffentlichkeit das verbrecherische Geschehen in Auschwitz aufgearbeitet wurde.

Fritz Bauer hat damit einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, in der deutschen Gesellschaft das Schweigen aufzubrechen, eine Auseinandersetzung auszulösen , die auch 50 Jahre später von gleicher Aktualität und Bedeutung ist.

Vor 50 Jahren 1965 endete der Auschwitzprozess in Frankfurt mit Urteilen, die der Monstrosität des Verbrechens sicher nicht gerecht werden konnten. Das Vermächtnis Fritz Bauers bleibt aber die Erkenntnis, dass es für eine demokratische, den Menschenrechten verpflichtete Gesellschaft unabdingbar ist, die Erinnerung an die Schoah und den Weg dorthin wach zu halten, um die eigene Zukunftsfähigkeit nicht zu gefährden."

altGedenken und Nachdenken

Kirchendezernent Becker gedenkt gemeinsam mit Überlebenden des Holocaust der Opfer des Nationalsozialismus


Am heutigen Tag, 27. Januar, jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 70. Mal. Stadtkämmerer Uwe Becker gedenkt gemeinsam mit Überlebenden des Holocaust im Pflegeheim der Henry und Emma Budge-Stiftung der Opfer des Nationalsozialismus. Wie bereits erwähnt wurde 1996 der Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz als offizieller deutscher Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus festgelegt. Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust wurde dieser Tag von den Vereinten Nationen im Jahr 2005 erklärt.

„Wir wollen diesen Tag zum Anlass nehmen, um der Opfer des Holocaust zu gedenken. Auschwitz steht für eine entmenschlichte Maschinerie perversen Staatsterrors und Massenmordes, dem Millionen von Menschen auf grauenhafteste Weise zum Opfer gefallen sind, und der nur deshalb in solch schrecklicher Kaltblütigkeit möglich war, weil zu viele mitgemacht und zu viele weggesehen haben. Die Befreiung von Auschwitz ist auch heute noch Auftrag an die Gesellschaft, nachzudenken, was die verbrecherische Zeit des Nationalsozialismus für unser heutiges Zusammenleben bedeutet. Die Auseinandersetzung mit diesem schrecklichen Thema schafft Orientierung für die Zukunft", erläutert Becker.

„So etwas darf nie wieder geschehen. Wir müssen gemeinsam für die Freiheit und Vielfalt in unserer Stadt eintreten. Wenn Frankfurter bedroht werden, wenn jüdisches Leben in unserer Stadt bedroht wird, dann muss die Stadtgesellschaft geschlossen dagegen aufstehen." Becker würdigte in seiner Rede zudem die Arbeit der Henry und Emma Budge-Stiftung: „Die Stiftung ist eine Bereicherung für unsere Gesellschaft. Sie hat sich der Förderung des friedlichen Zusammenlebens von Juden und Christen in unserer Stadt verschrieben. Für das wegweisende Engagement möchte ich allen Beteiligten herzlich danken."

Becker bezog sich in seinen Worten auch auf die engen Beziehungen Frankfurts zu Israel und zur notwendigen Solidarität mit dem Land. „Die deutsch-israelische Freundschaft nimmt gerade für die Stadt Frankfurt als Partnerstadt von Tel Aviv einen ganz besonderen Stellenwert ein. Seit fast 35 Jahren besteht diese Städtepartnerschaft. Mit seiner großen jüdischen Tradition, die durch die verbrecherische Zeit des Nationalsozialismus leider eine jähe Zäsur erfahren hat, ist Frankfurt heute stolz darauf, wieder Heimat einer großen und aktiven jüdischen Gemeinde zu sein", sagt Becker und führt weiter aus: „Frankfurt verdankt seine heutige Bedeutung in vielerlei Hinsicht gerade auch den großen jüdischen Familien, die hier gelebt, gewirkt und gestaltet haben. Umso mehr ist die enge Freundschaft Frankfurts zu Israel auch Teil der Identität unserer Stadt und ihrer Gesellschaft."

Seit 1968 betreibt die 1920 gegründete Budge-Stiftung ein interreligiöses und interkulturelles Pflegeheim. Gemäß dem Vermächtnis der Stifter unterstützt die Budge-Stiftung Menschen jüdischen und christlichen Glaubens und fördert das Zusammenleben von Juden und Christen. Bekannte Persönlichkeiten jüdischen Glaubens gehörten dem Vorstand der Henry und Emma Budge-Stiftung an, darunter der Historiker, Journalist und Verleger Paul Arnsberg sowie der Historiker Arno Lustiger.

altLesung aus "Der Fotograf von Auschwitz - das Leben des Wilhelm Brasse" und Gedenken auf dem Neuen Börneplatz


Die Evangelische Studierendengemeinde und die Katholische Hochschulgemeinde an der Goethe-Universität laden seit 1996 in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum zu einem Gedenken am 27. Januar in die Frankfurter Innenstadt ein. Weil das Museum Judengasse wegen Umbaumaßnahmen geschlossen ist, begann das diesjährige Gedenken zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz ausnahmsweise im Spenerhaus, Dominikanergasse 5.

Zu Gast war der Buchautor Reiner Engelmann. Er gab mit Tondokumenten und einer Lesung Einblicke in sein gerade in der Verlagsgruppe Radom House Bertelsmann erschienenen Buch "Der Fotograf von Auschwitz - das Leben des Wilhelm Brasse" . Den Hintergrund für sein Buch bildet die Geschichte einer Hamburger Filmemacherin, die in den späten 90er Jahren Recherchen zu den menschenverachtenden und grausamen Experimenten des Dr. Josef Mengele durchführte. Sie erfuhr, das mit Perla Votiz eine Überlebende von Mengeles Experimenten in Israel lebt. Beim Treffen mit Perla fragte die Filmemacherin auch, wer die Bilder von den Experimenten gemacht habe und erfuhr, dass es sich um einen polnischen Fotografen handelte, der für die SS arbeiten musste. Es kam zur Begegnung mit dem Fotografen Wilhelm Brasse, der 60 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz zum ersten Mal über seine schrecklichen Erlebnisse sprach.

Die Gedenkveranstaltung stand im Zeichen der Recherchen von Reiner Engelmann zu Wilhelm Brasse. Zum Abschluss fasnd ein Gedenken in Worten und Gesten im Freien auf dem Neuen Börneplatz vor den Steinen der ehemaligen Synagoge statt. (Beitragsquelle:pia und Recherche/Foto OB Feldmann von Ralph Delhees/UweBecker Bild von Pia)