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200 Jahre Reformbewegung vor und nach der Erfindung der Druckkunst

„Der Einfluss des Buchdrucks auf den Reformationsprozess (1346-1546)" - Vortrag zum Reformationsgeschehen im Gutenberg-Museum           von Dr. Franz Stephan Pelgen

28.06.16 || altMAINZ (27. Juni 2016) - Im Zusammenhang mit der diesjährigen Mitgliederversammlung und Festveranstaltung der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft mit dem Höhe-punkt der Verleihung des Gutenberg-Preises am Sonntag im Rathaus erlebten die zahlreichen Besucher im Vortragssaal des Gutenberg-Museums einen spannenden Blick auf das Reformationsgeschehen. Nach der Begrüßung von Frau Dr. Ludwig, Direktorin des Museums und Dr. Franz Stephan Pelgen, Geschäftsführer der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft führte Dr. Erwin Kreim durch 200 Jahre Reformbewegung vor und nach der Erfindung der Druckkunst.

Die Zeitreise begann mit der Gründung der ersten deutschen Universität 1346 in Prag, der damals drittgrößten Stadt nach Rom und Konstantinopel. Prag gehörte bis 1344 zum Metropolitanverband des Mainzer Erzbischofs.

John Wyclif  (* 1320, spätestens 1330; † 31. Dezember 1384), genannt Doctor evangelicus (1320,* spätestens 1330 in Hipswell, Yorkshire; † 31. Dezember 1384), war ein englischer Philosoph, Theologe und Kirchenreformer. Er wirkte u.a. als Vorstand des Balliol College in Oxford und war 1365-1367 Vorsteher des neuen College Canterbury-Hall. Nach seiner Absetzung kam es zum inneren Bruch mit der Kirche, und Wyclif wandte sich der Politik in London zu.. Im 19. Jahrhundert entstandene die Kopie eines mittelalterlichen Portrait- Originals. Foto: wikipedia

Der Nestor des Mainzer Schauspiels Rolf Hartmann rezitierte in eindrücklicher Weise Texte von John Wyclif. Wyclif hatte 120 Jahren vor Luthers Thesenanschlag 21 Thesen zur Kirchenreform in Oxford veröffentlicht. Diese erweiterte Jan Hus um 1410 in Prag auf 45 Thesen. Für die meisten Zuhörer waren diese Forderungen nach einer Reform der Kirche unbekannt. Dies mag auch daran liegen, dass sie vor Erfindung des Buchdrucks nur handschriftlich verbreitet werden konnten. Auf dem Konzil von Konstanz wurden nicht nur die beiden Reformatoren zum Tode durch Verbrennen beim lebendigen Leibe verurteilt, sondern auch ihre Schriften weitgehend verbrannt. Viele dieser Thesen werden heute auch von Papst Franziskus vertreten, z.B. die Forderung nach einer Kirche ohne Prunk und Reichtum.

Nach der in Mainz durch Johannes Gutenberg begonnenen Medienrevolution war es nicht mehr möglich, neue Gedanken so leicht zu unterdrücken. Besonders Erasmus von Rotterdam verstand es, die neuen Möglichkeiten zur Verbreitung humanistischer Gedanken zu nutzen. Für die Zuhörer war die Kirchenkritik des Erasmus zum Schmunzeln, da er sie oft in Satiren vortrug. Seine kommentierten Sprichwörter, 1500 erstmals gedruckt, geißeln auch aktuelle gesellschaftliche Fehlentwicklungen.

Erasmus von Rotterdam (* vermutlich am 28. Oktober 1466/1467/1469, wahrscheinlich in Rotterdam; † 11./12. Juli 1536 in Basel) war ein bedeutender niederländischer Gelehrter des Renaissance-Humanismus. Er war Theologe, Priester, Augustiner-Chorherr, Philologe und Autor zahlreicher Bücher.
Von 1514 bis 1529 lebte und wirkte Erasmus in Basel, um seine Schriften in der Werkstatt seines späteren Freundes Johann Froben drucken zu lassen. Er begegnete 1524 erstmals Johannes a Lasco, dem späteren Reformator Frieslands, der zu einem seiner Lieblingsschüler wurde. Als sich die von Johannes Oekolampad betriebene, an Zwingli angelehnte Reformation in Basel durchsetzte, ging er 1529 nach Freiburg im Breisgau, weil er als Priester und Augustiner-Chorherr die Reformation ablehnte. Im Jahre 1535 kehrte er nach Basel zurück und verstarb dort am 12. Juli 1536. Sein hohes Ansehen, das er sich trotz seiner Ablehnung der Reformation erhalten konnte, zeigt sich auch darin, dass er als katholischer Priester in der Zeit heftigster konfessioneller Auseinandersetzungen im mittlerweile protestantisch gewordenen Basler Münster beigesetzt wurde.  Das Bild zeigt ein Porträt des Erasmus von Hans Holbein dem Jüngeren (1523)

Dass Erasmus von Rotterdam 1516 mit seiner Übersetzung des Evangeliums die Grundlage für Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche legte, war vielen Zuhörern neu: Die Lutherbibel ist auch eine Erasmusbibel!

Zwischen den einzelnen Rezitationen spielte die Mainzer Cellistin Traudl Herrmann auf einem dreihundert Jahre alten Violoncello piccolo Musik der Renaissance. So konnten die Zuhörer während den Musikstücken die Rezitationen noch einmal nachwirken lassen.

Den letzten Teil übernahm Pfarrer Dr. Peter Meyer von der Philippus-Gemeinde in Mainz-Bretzenheim. Er zeichnete ebenfalls mit lebendig von Rolf Hartmann rezitierten Zitaten ein sehr differenziertes Lutherbild. Nicht der Thesenanschlag vor 500 Jahren ist das besondere Ereignis, sondern Martin Luther mit all seinen Stärken und Schwächen prägte die Epoche, die mit seinem Tod 1546, zweihundert Jahre nach der Universitätsgründung in Prag, nicht endete.

Zum Schluss zitierte Dr. Erwin Kreim aus dem neuen Buch des Theologen Eugen Drewermann: „Jan Hus im Feuer Gottes": „Wir sollten das bisschen Wahrheit, das wir zu sehen meinen, mit aller Energie zu leben versuchen und Gott überlassen, was daraus wird. So hat es Jan Hus gemacht, so sollten wir es selber tun."

Anschließend gab es engagierte Gespräche, weil die Zuhörer durch die lebendigen Vorträge und das Neue viele Fragen hatten.

Die Bildlegenden wurden unter Zuhilfenahme von Wikipedia zum bessseren Verständnis von Ralph Delhees hinzugefügt