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Ein Hauch von Bohème für eine Nacht erkundbar

In der Bahnhofsviertelnacht geben junge Künstler Einblicke in ihre Arbeit

05.08.09 || altFRANKFURT (05. August 2009) - Am 20. August lädt die zweite "Bahnhofsviertelnacht" wieder dazu ein, einen Blick hinter die Fassaden des Stadtteils zu werfen. Das Viertel fasziniert nicht nur durch seinen internationalen Charakter, sondern auch durch seine Kontraste, Widersprüche und unterschiedliche Welten. Eine davon ist die junge Kunstszene in den Ateliers des Projektes "basis".

Zwischen prächtigen Gründerzeitfassaden und grell blinkenden Leuchtreklamen koexistieren im Frankfurter Bahnhofsviertel Arm und Reich, Gestrandete und Erfolgreiche, Integrierte und Nichtintegrierte, Frankfurter aller Kontinente und Hautfarben. Auf einer Fläche von nur etwa einem halben Quadratkilometer gibt es eine Moschee und Bordelle, Banken und Druckräume, ein Hochbegabtenzentrum und Sex-Shops. Eine Freimaurerloge ist hier direkt neben Nachtclubs angesiedelt, Traditionsgeschäfte neben indischen Stoffläden oder türkischen Supermärkten. In Kneipen wird Hausmannskost serviert, aber eben so gut kann man sich hier auch quer durch alle Kulturen essen. Hautnah erlebbar ist der bunte Stadtteil wieder am 20. August bei der Bahnhofsviertelnacht, die im letzten Jahr mehr als 10.000 Besucher angezogen hat.

Freiräume für Kreative


Es ist ein mehr als geeignetes Pflaster für einen Hauch von Bohème. So tummeln sich hier mehr Kreative als in anderen Frankfurter Vierteln. Zum Beispiel in den beiden Atelier-Häusern des Projektes "basis" in der Gutleutstraße und in der Elbestraße. Rund 120 Kreative und Künstler arbeiten hier: Schmuckdesigner, Modemacher, Grafiker, Maler, Autoren, Fotografen oder Komponisten, und sie alle werden in der Bahnhofsviertelnacht Einblicke in ihre Arbeit geben. "Basis", so Felix Sturm, der künstlerische Leiter des gemeinnützigen Vereins, "will junge Künstler dabei unterstützen, von ihrer Arbeit zu leben." Für bis zu sieben Euro Miete pro Quadratmeter bietet man ihnen Ateliers. "Die Leute, die hier arbeiten, suchen Orte, die ihnen einen Freiraum lassen. Und das großstädtische Bahnhofsviertel tut das. Hier fühlt sich jemand wohl, der als Künstler eine Sonderrolle in der Gesellschaft spielt." Denn es sei "ein sehr tolerantes Viertel".

Dass in dem Stadtteil mit seinen auch schrillen Gestalten, prekären Existenzen oder verruchten Etablissements das Diktat bürgerlicher Lebensentwürfe weniger streng ist, kommt den Künstlern sehr entgegen. Zumal ihr Lebens- und Arbeitsrhythmus einem wenig berechenbaren Takt folgt. In den Ateliers kann nachts rumgewerkelt werden, ohne dass sich Nachbarn empören. "Und es ist toll", sagt Sturm, "dass sich im Bahnhofsviertel immer irgendwo ein Ort findet, an dem man sich nachts um drei noch was zu essen oder trinken holen kann."

Zum Lieblingspakistani ist es nie weit


Von der besonderen Lebendigkeit des Bahnhofsviertels ist auch "basis"-Künstler Florian Jenett fasziniert: "Wenn man stundenlang an etwas sitzt und sich den Kopf zerbricht, kann man einfach mal kurz zum Lieblingspakistani gehen und mit dem etwas quatschen." Zeichnerin Isabel Albrecht, die mehrere Jahre in London gelebt und dort studiert hat, findet nicht nur, dass Frankfurt eine "besonders lebbare Stadt" ist, sie ist zudem begeistert von den Diskussionen in den Ateliers: "Wie man sich hilft und zusammenarbeitet, das ist großartig." Auch Florian Jenett schätzt an der "basis", dass sich dort ein Netzwerk biete. "Man hilft sich bei der Arbeit und dabei, kleinere Jobs zu finden und zu vermitteln." Und das ist wichtig.

Der Blick in die hohen Räume hinter den Ateliertüren und die Gespräche mit den hier arbeitenden Künstlern verraten, dass das künstlerische Schaffen nur einen Teil ihrer Arbeit ausmacht, und ein jeder auch noch Mädchen für alles in eigener Sache ist: Neben großformatigen Bildern stapeln sich selbstgestaltete Kataloge, die die eigene Arbeit dokumentieren und verschickt werden wollen, da liegen Stipendien- und Förderanträge neben Skizzen oder Modellen, und da finden sich Computer neben Pinseln, Stiften oder Werkzeug.

Einst ein Grandhotel


Auf vier von fünf Etagen reihen sich die Ateliers auf langen Fluren aneinander. Das Haus, in dem sich das Frankfurter Hauptquartier der NSDAP befand und in weniger dunklen Zeiten die Landesbildstelle, wurde ursprünglich als Grand-Hotel erbaut. In den Ausstellungsräumen im Erdgeschoss ist derzeit die "Sommerschau der Studios 2009" mit Werken der "basis"-Künstler zu sehen. Am 20. August wird sich die "basis" unter anderem mit der Finissage dieser Schau präsentieren. Wie der Titel der Bahnhofsviertelnacht, "30 offene Türen", verrät, lassen sich noch einige Gruppen und Institutionen mehr zwischen 19 und 23 Uhr in ihre Lebens- und Arbeitswelt schauen, beispielsweise das Hochbegabtenzentrum, das Bonita Kosmetikstudio, die Merkez Moschee, die Weißfrauen Diakoniekirche, das English Theatre, die Loge zur Einigkeit, der Drogennotdienst, der Verein Dona Carmen, der sich für Prostituierte engagiert, der Nachtclub Rough Diamond, das Luna Park 64 Café und viele andere. Von der Karmeliterschule in der Moselstraße aus werden um 18, 19, 20 und 21 Uhr Führungen durch das Bahnhofsviertel angeboten, für die man sich vorher anmelden muss. Oder man sucht sich seinen eigenen Weg durch die Nacht und lässt sich von diesem ganz besonderen Frankfurter Stadtteil einfach überraschen. (Astrid Biesemeier)

Programmheft - Bürgerberatung

Das Programmheft zur Bahnhofsviertelnacht am 20. August gibt einen Überblick über das Veranstaltungsangebot: Alle Teilnehmer der langen Nacht und ihr Programmangebot finden sich hier auf einen Blick. Ein Lageplan sorgt für Übersicht. Die Programmbroschüre ist an zwei Informationsstellen in der Stadt kostenlos erhältlich: In der Bürgerberatung im Frankfurt Forum (Römerberg 32) und im Stadtteilbüro Bahnhofsviertel (Moselstraße 6A). Das Programmheft ist die Eintrittskarte für einige Veranstaltungen der Bahnhofsviertelnacht.

Die Bürgerberatung ist montags bis freitags ab 10 Uhr geöffnet. Sie schließt außer donnerstags und freitags jeweils um 16.30 Uhr - donnerstags ist bis 18 Uhr länger auf, freitags um 14 Uhr Schluss. Das Stadtteilbüro ist montags und dienstags von 14 bis 17 Uhr, mittwochs von 16 bis 19 Uhr und freitags von 10 bis 13 Uhr geöffnet. (pia)